Herzmilch, Aberland, Muttergehäuse – Eine Review der Klemm’schen Trilogie

Wie versprochen an dieser Stelle  mein Eindruck der drei bereits erhältlichen Romane von Gertraud Klemm. Wir haben kürzlich ein Interview mit ihr geführt – hier.

 

Herzmilch

Am Beginn stehen Kindheit und Jugend der Hauptperson. Klemm selbst würde es „Sozialisation“ nennen, lustig, da sie beschreibt, oft auch (glücklich und unglücklich) allein zu sein. Durch das Gespräch mit der Autorin, und aus kleinen Anekdoten, die sich im Laufe unseres Aufenthaltes bei den Rauriser Literaturtagen in meinem Kopf gesammelt haben, wird rasch klar, dass es hier etwas sehr Autobiographisches zu lesen gibt.
Mir persönlich gefällt vor allem die Jugendzeit, da ich dieser erst vor kurzem selbst entstiegen bin, und teilweise ähnliche Erfahrungen gemacht habe.
Auffällig: Die Rolle der Frauen in der Gesellschaft als wiederkehrende Thematik – sowohl ganz konkret in den Gedanken der Hauptfigur, wie auch in ihren Beobachtungen anderer.
Als weibliche Studierende im Jahr 2017 ist das Thema Weiblichkeit in der Gesellschaft keineswegs spurlos an mir vorbeigegangen – ich habe mich selbst oft gedanklich und im Diskurs mit anderen der „Problematik“ angenommen. Und festgestellt: Es sollte keine Problematik in diese Richtung geben. Frauen sind keine Minderheit – etwa 50% der Menschen auf dieser Welt sind weiblich. Es sollte de facto in so gut wie keinem Lebensbereich (Ausnahme: das Kinderkriegen. Da aber auch nur die Schwangerschaft an sich und der bloße Akt des Raus-Pressens, keinesfalls alles, was davor oder danach kommt) einen Unterschied machen, welchen Geschlechts man ist.
Da ich in meinen Überlegungen zu dieser Erkenntnis gekommen bin, war es mir fast ein bisschen unangenehm, erneut darauf gestoßen zu werden, dass alles nicht so rosig ist, und bei weitem nicht jede meine Meinung teilt.
– Manchmal muss Literatur jedoch unangenehm sein, um das Denken anzustoßen.
Zusätzlich stieß mich vor den Kopf, dass die Handlung ab einem gewissen Punkt klar vom Lauf des Lebens der Gertraud Klemm abzweigt und ihren eigenen Weg geht:
A) Komisch, das zu wissen.
B) Komisch, dass ich sofort glaube: Aha, die Protagonistin ist die Autorin selbst.
Fiktion ist ungleich Fakt, Kindchen. Nimm dich selbst an der Nase.

Aberland

Hier wird kapitelweise abwechselnd aus zwei Perspektiven erzählt: Elisabeth ist 58, Hausfrau, Mutter und Oma, ihre Tochter Franziska hadert mit dem Leben zwischen Jung-Familie mit kleinem Kind und dem Wunsch, ihr Studium endlich abzuschließen und zu arbeiten.
In dieses Buch konnte ich mich zunächst schlecht einlesen, obgleich es liebevoll gestaltet ist: Zu Anfang jedes Kapitels gibt es eine Einladung zu einem Event aus dem Leben der Person, die gerade Protagonistin ist – quasi, um up to date zu bleiben.
In einem Gespräch über das Buch wurde mir klar, dass ich mich mit der Jüngeren der beiden identifiziere – problematisch, da ich ihre Entscheidungen und deren Begründung mitunter nicht oder nur schwer nachvollziehen konnte. Schlicht: So hätte ich nicht gehandelt und geurteilt.
Elisabeth als ältere, sportliche, gut betuchte Frau fand ich zwar durchaus glaubwürdig beschrieben – mit ihr warm wurde ich jedoch nicht so richtig.
Auch fand ich hier weniger Anschluss an die Gedankengänge der Protagonisten – vielleicht gerade, weil sie diesmal sehr bewusst fiktiv waren, und die eigentliche Meinung der Autorin nicht zwingend wiederspiegeln?

Muttergehäuse


Darauf war ich besonders gespannt: Gertraud Klemms persönlichstes Buch teaserte sie schon bei ihrer Lesung in Rauris an. Es stellte sich heraus, dass sie wirklich gute Stellen gewählt hatte. Mir schien, als kenne ich alles schon. Dennoch gefiel es mir: Das Tempo, der Stil, die Story. Die Vorgängerversion, Mutter auf Papier, hatte in Erstauflage wenig Liebe erfahren, und war halbherzig, und, wie Klemm sagt, „viel zu früh“ veröffentlicht worden. Leider findet sich diese Version nicht so leicht – interessant wäre doch, was sich wie genau geändert hat!
Die aktuelle Version ist um einiges gekürzt und ein wenig aufbereitet worden, und siehe da: Ein Erfolg.
Plot ist, dass eine Frau mit Kinderwunsch über längere Zeit nicht schwanger wird und sich mit ihrem Mann für die Adoption eines afrikanischen Waisenkindes entscheidet – in wenigen Worten ein Teil der Lebensgeschichte der Autorin. Gerade deshalb vermittelt sie die Geschichte so ein- und aufdringlich, als wäre man selbst gerade in dieser Situation. Klemm meinte dazu im Interview, sie fand damals kein Buch, welches ihr beim Verkraften und Verarbeiten geholfen hätte, und beschloss so, sich selbst eines zu schreiben – diesen Roman.
Schön: Ihre im Buch festgehaltenen Träume.

Fazit: Ich habe die Bücher der Reihe nach gelesen, und würde sie vielleicht nicht ganz als Romane bezeichnen – zu unwichtig wird der Plot oft angesichts der zu vermittelnden Ideen der Dynamiken der Gesellschaft. Muttergehäuse ist wohl das spannendste und zugleich auch emotionalste Buch, Herzmilch das ob der Thematik für mich Ansprechendste, und Aberland das, welches am stärksten ein Portrait einer Gesellschaft zeichnet. – Aber seht selbst: Ich kann sie alle drei empfehlen, nicht zuletzt, weil es sich um österreichische Gegenwartsliteratur handelt.

 

Bis zum Erbsenzählen im September.

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Erbsenzählen, der Umgang mit Kritik und die Nöstlinger – Gertraud Klemm im Interview

Gertraud Klemm ist eine österreichische Schriftstellerin, deren Werke als „Romane“ tituliert werden, jedoch in Wahrheit nur schwer in eine Kategorie einzuordnen sind. Was sie schreibt, wird viel diskutiert – Lob und Kritik gehen Hand in Hand.
Bei den Rauriser Literaturtagen hatten wir das Glück, sie nach der Lesung zu ihrem aktuellsten Buch „Muttergehäuse“ persönlich treffen und mit ihr sprechen zu dürfen. Sie sprach mit uns übers Lesen, Schreiben und über ihr neues Buch „Erbsenzählen“, welches im September erscheint.

 

Was liest du gerade?
Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ von Sabine Gruber.

 

Und was liest du im Moment generell gerne?
Ich lese viel, was kontrovers diskutiert wird, und ich lege sehr viel wieder weg. Ich habe „Ein wenig Leben“ jetzt gerade weggelegt. Wenn alle über ein Buch reden, dann muss ich da auch reinlesen, und möchte das nachvollziehen können, ob es das halten kann, was dauernd versprochen wird.
„Alles über Beziehungen“ von der Doris Knecht hat mir wahnsinnig gut gefallen. So gut, dass ich einen Traum gehabt habe, dass ich mich bei ihr dafür bedankt habe.
Ich mag die Art, wie sie auf das Schreiben zugeht: So furchtlos. Sie „scheißt sich nix“, von Anfang an, und das taugt mir. Ich mag das sehr, wenn Frauen so furchtlos sind.

 

Was hast du als Kind am liebsten gelesen?
Die Nöstlinger. Ich bin süchtig – die habe ich bis ins Erwachsenenalter immer wieder gelesen. Weil ich ihre Sprache so schön und witzig finde. Am liebsten die Gretchen Sackmaier.
Ich habe schon sehr früh angefangen, Erwachsenenliteratur zu lesen, da war ich 13 oder 14.

 

Wie kommt man von einem 9-5 Job als Biologin zum Schreiben?
Das ist jetzt ein riesiges Klischee, aber ich hab schon als Kind geschrieben und wollte immer Schriftstellerin werden, aber die Biologie war die Vernunftehe. Zum beruflichen Schreiben bin ich durch eine Lebenskrise gepaart mit plötzlichem Erfolg mit zwei Literaturpreisen gekommen. Das gemeinsam hat die Energie erzeugt, mit der ich dann aus dem Gleis gesprungen bin. Ich hab mir gedacht: Jetzt bin ich Mitte 30, jetzt kann ich‘s noch rumreißen. Ich habe mir ein Jahr zum Schreiben genommen, da bin ich dann nicht mehr rausgekommen. Meinen ersten beiden Romane habe ich geschrieben & gleich weggehaut (lacht). Nach fast zehn Jahren ist die Arbeit dann aufgegangen.

 

Wann hast du begonnen, deine Texte an Verlage zu schicken?
Als ich Romane geschrieben habe, die man nicht mehr wegschmeißen musste. Mutter auf Papier und Herzmilch habe ich viel zu früh, viel zu unfertig geschickt. Mein Lektor Rainer Götz hat mir später gesagt, er wäre fast bei Seite 20 aus „Herzmilch“ rausgekippt, weil so viele tausend Fehler drin waren. Er war gut drauf, sonst hätte er nicht weitergelesen. Es war so unkorrigiert und unfertig. Das ist mir jetzt noch peinlich. Aber ich glaube, man kann nicht alles können: Schreiben und kreieren und ordnen und korrigieren – man kann nur eins von vielen gut machen. Ich bin nach wie vor gefürchtet für meine fehlerhaften Texte.

 

Wer sind deine Vorbilder?
Sylvia Plath, Aglaja Veteranyi, Brigitte Schwaiger, Margaret Atwood, Doris Lessing, John Irving, John Updike.

 

Hast du außer deinem Lektor noch Leute, die deine Texte vorab lesen?
Niemanden mehr. Früher schon, das hat sich aber aufgehört. Es müsste jemand sein, der auf einem ähnlichen Stand ist wie ich. Der ähnlich publiziert hat, ähnliches macht wie ich. Der auch bei einem guten österreichischen Verlag regelmäßig publiziert und damit auch kontrovers diskutiert wird. Und auch diese Polarisierung hervorruft. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr will ich das eigentlich gern mit mir selbst besprechen, und das kann ich am besten mit mir selbst.
Und das, was wirklich gefährlich ist oder wichtig ist, kann man immer mit Lektoren besprechen. Die sind oft sehr hilfreich wenn es darum geht wie zB. das Ende sein soll – so etwas wird zum Teil besprochen. Die großen Fallen oder Gefahren – diese Entscheidungen musst du eh selber treffen. Und oft ist es nur eine Woche oder ein langer Lauf oder irgendein Erlebnis, das du hast, und plötzlich weißt du, wie es weitergeht und wie nicht. Manchmal aber wäre ich gern zu zweit und würde mir gerne die Mühen und die Freude teilen – so wie in einer Lebensgemeinschaft. Ich glaube, ich hätte sogar ein paar Personen, mit denen ich das könnte, aber es wäre irrsinnig aufwendig.

 

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Was magst du an deinen Texten?
Dass sie die weibliche Sicht eröffnen und den gewohnt männlichen Blick auch mal verwässern. Ich mag, dass die Leute beim Lesen so verschluckt lachen. Das ist ein Ton, den viele nicht finden. Und ich mag, dass sie Ohrfeigen aushalten (lacht).

 

Wie geht man mit Ohrfeigen wie dem Titel „Unter der Fuchtel der Hormone“ einer Kritik um?
Man muss sich so eine Kritik immer in ihrem Gesamtkonzept anschauen. Diese Kritik kam von einer Kollegin und war auf eine ereifernde Weise hasserfüllt. Mit einem ganz großen, scheußlichen Foto von mir darüber. Die Message war: Die Klemm leidet unter Hormonschwankungen, ist nicht zurechnungsfähig, hässlich, und tut doch nur so, als wäre sie Feministin. Was sie schreibt, soll man um jeden Preis als frauenfeindlich verstehen. Und jetzt noch ein Tritt und weg mit ihr.
Eine dermaßen geifernde Kritik entlarvt vor allem die Rezensentin und ihre Motive. Ich war trotzdem sehr verletzt. Ich hatte das Gefühl, man will mich aufhalten oder zumindest zum Stolpern bringen. Sowas streckt nieder, aber es immunisiert auch, wie eine Infektionskrankheit.

 

Kannst du die Kritik an deinem Buch von der Kritik an deiner Person trennen?
Manchmal kann ich‘s trennen, manchmal nicht  Aber ich glaub, das ist der ganz große Hasenfuß an der Feminismus-Geschichte, dass die Kritik am Werk immer auch das persönliche Leben betrifft. Dass das Private politisch ist. Ich spreche viel Unerträgliches aus. Dass zum Beispiel auch die Gerechtigkeit in Partnerschaften immer im Alltag gelebt werden und nicht auf der Straße bestritten werden muss. Dass der Krieg zu Hause, im Bett, am Tisch, in der Küche, am Klo ausgefochten werden muss. Dass man etwas einfordern muss, von der Person, die du liebst, mit dem Risiko, dass sie dich nachher nicht mehr liebt. Das ist viel schwieriger, als mit einem Schild auf die Straße zu gehen. Wer so viel Politisches im Privaten anspricht kriegt es eben genauso wieder zurück – Privat. Und dann kommt noch das Körperliche dazu. Ich glaub, man kann nicht über die Benachteiligung der Frau schreiben, wenn man sich nicht dieser Körperlichkeit annimmt.  Insofern ist die private Kritik an mir auch immer ein Stück Politik.

 

Mit welchem Klemm-Buch soll man anfangen?
Wenn man etwas über meine Sozialisation erfahren will, dann ist Herzmilch das beste Buch. Wenn man etwas darüber erfahren will, was ich kann, ist Aberland das beste Buch. Und wenn man etwas darüber erfahren will, was mir wehgetan hat, dann würde ich Muttergehäuse lesen.
Der Gedichtband ist spannend, weil er null Mal besprochen wurde – es gibt glaube ich nur eine einzige Rezension. Ich glaube, wenn man mir auf die Schliche kommen will, dann müsste man diese Lyrik lesen. Ich habe darin irrsinnig viel an Moral und Unmoral von mir versteckt. Aber es ist sehr enigmatisch, habe ich gehört.

 

Worum geht es im neuen Buch?
Es geht um die Beziehung zwischen einer jungen Frau und einem 30 Jahre älteren Mann. Die beiden haben eine Beziehung, wo alles nur gut ist: Ohne Verbindlichkeiten, aber doch mit Zuneigung und Respekt und mit einer guten Sexualität.
Er ist Kulturradiomoderator mit einer Waldhonigstimme. Das ist etwas, was ich nie gehabt habe: einen älteren Liebhaber mit einer schönen Stimme. Das ist ja auch das Schöne, wenn man das so nachholen kann in der Literatur: Man kann sehr viel lesen und schreiben, ohne es machen zu müssen, deswegen auch die vielen Sexszenen. Da muss man sich nicht schmutzig machen, und keine Risiken eingehen (lacht).
Dann hat der Alfred einen Herzinfarkt. Die Beziehung ändert sich auf einmal komplett, weil Annika plötzlich aus diesem Jetzt hinaus und in das Morgen hineinfällt – was sie nie wollte. Die Liebe wird auf einmal verbindlich.

 

Dein neuer Roman „Erbsenzählen“ erscheint im September bei Droschl – Was bedeutet der Titel?
Die Erbsen sind im Roman metaphorisch als Währung des scheinbaren Glücks, das in Konsumgut, Statussymbolen und familiären Leistungskennzahlen aufgewogen wird. Annika sieht ihr Umfeld so, als würden sie das Geleistete in Erbsen abzählen: das eigene Haus ist eine Erbse, das Auto ist eine Erbse, der Kredit ist eine Erbse und die Kinder sind Erbsen. Die Menschen sammeln Erbsen und legen sie dann bei jeder Gelegenheit – bei den Eltern, vor den Kollegen etc. – auf den Tisch und sagen „Schau, das hab ich alles geleistet“. So sieht Annika ihre Umgebung und sie will das um jeden Preis verhindern. Aber sie kommt dann auch  nicht um diese Erbsenzählerei herum.

 

Wenn du nicht das schreiben würdest, was du jetzt schreibst, was würdest du dann schreiben?
Songtexte! Singer-Songwriter, ein bisschen schräg. Wahrscheinlich nicht auf Deutsch. Das könnte ich glaub ich auch. Ich würde am ehesten singen und mich dabei begleiten.

 

 

 

 

Neugierig geworden? Nächste Woche stellen wir euch Gertraud Klemms drei Bücher „Herzmilch“, „Aberland“ und „Muttergehäuse“ vor und vergleichen sie (soweit möglich) miteinander.

Euer Wortgewald

 

 

 

Koma, Gotland und Medusa – Körper.Sprache in Rauris

Wortgewald hat sich aus dem Kulturhafen Wien gewagt und sich aufgemacht ins Rauriser Tal. Dort fanden zum mittlerweile 47. Mal die Rauriser Literaturtage statt. Jedes Jahr kommen in diesem 3.050 Seelen Dorf Literaten, Lyriker und Autoren zusammen, um ihre Texte rund um ein bestimmtes Thema vor Publikum zu lesen. Dieses Jahr ging es um das Thema Körper.Sprache.

Den Rauriser Literaturpreis gewann dieses Jahr Senthuran Varatharajah für den Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“, der rein aus einer Konversation zwischen ihm und einem eigentlich Fremden im Facebook-Chat besteht. Den Förderungspreis gewann Mercedes Spannagel für ihre Kurzgeschichte „Wie es klingt, wenn es quietscht“. Der Preisverleihung konnten wir leider nicht beiwohnen, dafür aber Senthuran bei der ersten Lesung auf der Heimalm sehen, wie er ironischer Weise die ganze Zeit auf Facebook war.

Rauris, zusammengefasst in einem Bild.

Diese erste Lesung fand Donnerstag Abend in luftigen 1480m Höhe statt, was für Gäste nur per Gondel zu erreichen ist. Die Autorinnen des Abends waren Lydia Mischkulnig („Die Paradiesmaschine), Dana Ranga („Hauthaus“) und Gertraud Klemm („Muttergehäuse“). Lydia Mischkulnig lieferte einen lyrisch anmutenden Erzählband, der uns trotz der Sprache dem Thema der Geschichte, die wir hörten, wegen leider nicht so ganz gefiel. Dana Ranga konnte leider aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen, deswegen gab es eine leider sehr monotone Lesung einiger Texte aus ihrem Gedichtband „Hauthaus“. Gertraud Klemm las aus ihrem letztlich 2016 erschienenen Buch „Muttergehäuse“, einer umgeschriebenen Version eine ihrer ersten Veröffentlichungen „Mutter auf Papier“, mit der sie nie richtig glücklich war. In „Muttergehäuse“ schreibt sie über ihre Probleme, Kinder zu bekommen und rechnet dabei mit vielem ab, was ihr in dieser Zeit passiert ist (mehr dazu hier auf Wortgewald im Laufe der Woche).

Am nächsten Tag ging es weiter mit Autorengesprächen im Gasthaus Platzwirt, wo die Studenten aus dem Umland ihre Fragen stellen durften. Löchern lassen mussten sich Lydia Mischkulnig, Gertraud Klemm und Franzobel („Das Floß der Medusa“). Lydia Mischkulnig wirkte beim eher-nicht-beantworten der wahnsinnig akademischen Fragen der Studenten herrlich sympathisch („Aha? Wusste ich gar nicht, dass ich das gemacht habe.“). Gertraud Klemm kam mal wieder nicht aus ihrer Feminismus-Schublade raus und Franzobel gab Einblicke in die jahrelange Recherche, die „Das Floß der Medusa“ brauchte. Dabei hat er gefastet, sich vorgestellt, wie es ist, Menschenfleisch zu essen und einige Zeit im hüfthohen Wasser des Schwimmbads verbracht, um zu wissen, wie es seinen Schiffbrüchigen vielleicht ergangen ist.

Nachmittags waren wir auf einer der drei gleichzeitig stattfindenden „Störlesungen“, die nicht öffentlich zugänglich sind. Dabei sitzt eine Schreibende in der Kuchl einer der Gastgeber und liest für ein Publikum von ca. 15-20 Leuten. Wir hatten alternative Fakten betreffend dem Störlesungsort zur Information und saßen deswegen bei Silke Scheuermann anstelle von Gertraud Klemm, was aber auch gut war. Sie las aus ihrem 2016 erschienen Buch „Wovon wir lebten“, das die meisten der Anwesenden schon zuvor gelesen und besprochen hatten. Das tolle an Lesungen in so kleiner Runde ist, dass man nachfragen, unterbrechen und vielleicht auch bitten kann, noch einmal zu lesen (und die Jause, die danach von den Gastgebern gereicht wird). Leider wurde uns (den einzigen uninformierten anscheinend) durch die Intimität der folgenden Buchbesprechung das Ende, die Mitte und der Rest des Buchs gespoilert. Auch gut, wir fanden es eh nicht so spannend.

Rauris, dämmernd.

Abends begaben wir uns wieder in den Gasthof, der angesichts des Line-Ups proppenvoll war. Alissa Walser las erst aus ihren lyrischen Erzählungen „Eindeutiger Versuch einer Verführung“, die auf ihre Art witzig und immer gut geschrieben waren. Danach las Michael Stavarič aus dem hoch gelobten „Gotland“, in dem es um Religion, Inzest und Schweden geht – Was will man mehr? Ach ja, er schreibt außerdem in starken Bildern und mit Humor. Den Abschluss des Abends machte Silke Scheuermann, indem sie die brutaleren Szenen ihres Romans vor größerem Publikum eröffnete.

Der vorletzte Morgen begann für uns mit Kaffee und Lyrik. Anja Golob ließ ihre slowenisch getränkten Gedichte über unsere Gänsehaut rollen. Anscheinend ging es nicht nur uns so, denn ihre handgefertigten Gedicht-Heftchen waren nach der Lesung restlos ausverkauft. Danach las Elke Laznia, und zum Schluss der Schweizer Raphael Urweider „nicht so lang, weil es ist bald 12, und da ist ja Mittag“. Er ist eigentlich Musiker und schreibt eine angenehm bodenständige Lyrik mit viel Humor.

Nach einer kurzen eigenen Schreib-Session von uns lasen dann die Main Acts, sozusagen. Marica Bodrožić schrieb den Monolog eines Komapatienten, wobei gar nicht auffiel, dass sie nicht wirklich zu dem Thema recherchiert hatte, so authentisch und einfühlsam klangen ihre Texte. Danach hörten wir ein paar Szenen aus Katharina Winklers viel gelobtem Roman „Blauschmuck“. Im Gespräch danach wurde klar, warum wir trotz guter Sprache, gutem Thema, guter Intention und gutem Lektorat nicht so ganz überzeugt von dem Buch waren: Es war alles ein bisschen zu glatt, ein bisschen zu schauspielerisch vorgetragen, und vielleicht auch ein bisschen zu viel Realität, die man gar nicht so arg spüren will. Den Schluss machte Franzobel mit mit Absicht sehr unbrutal ausgewählten Szenen aus „Das Floß der Medusa“. Er sagte, als er bei anderen Lesungen die brutalsten Szenen las, kauften die Leute nachher nur seine Krimis. Die historische Materie des Buchs war zwar furchtbar interessant, aber nicht so interessant, als dass wir über die unsympathische Selbstinszenierung des Autors (seine mitgebrachte (!) Bierdose, sexistische Witze und ein Mangel an realitätsnahen Frauenfiguren im Buch) hinwegblicken und das Buch hätten kaufen können. Schade, eigentlich.

Sonntags lauschten wir nach dem Frühstück noch den Texten der Raurisern selbst, die in einer Schreibwerkstatt zusammen mit Gertraud Klemm entstanden waren. Und um ehrlich zu sein, manche davon gefielen uns besser als die von manchen Autoren, die wir in den Tagen zuvor gehört hatten.

Eine Kollegin, die uns begleitete, wurde in Rauris von ihrer Oma angerufen und gefragt, was sie dort lernen würde (was man sich vielleicht generell öfter selbst fragen sollte). Wir haben auf jeden Fall gelernt, dass viele Bücher sich nicht wirklich zum Vorlesen eignen, dass Zuhören anstrengender sein kann als Selberschreiben und auch, dass manche Autoren wahnsinnig nett sind, wenn man sie abseits der Bühne anquatscht.