The Handmaid’s Tale – Buch vs. Serie

Wie bereits in den Favourites angekündigt, habe ich mir vor kurzem die Serie zum Buch „The Handmaid’s Tale“ reingezogen. Und das, wie man sich verliebt oder einschläft: Erst langsam und dann ganz schnell.

Die Ver-Serie-ung des dystopischen Klassikers von Margaret Atwood fängt nämlich ziemlich vermurkst an. Mit lauter Momenten, die im Buch erst ganz am Ende vorkommen, unnötige Veränderungen der Charaktere und überhaupt baut sich die Welt ganz anders im eigenen Kopf auf, wenn man von ihr liest.

Das vorweggenommen, ist die Serie wirklich gut. Also richtig gut. Absolute Empfehlung!

Ich würde allerdings dringend empfehlen, das Buch zu lesen bevor man sich die Serie anschaut. Denn tatsächlich könnte man die Handlung im Buch in einem gut zwei Stunden langen Film zusammenfassen, ohne etwas weglassen zu müssen. Da die Serie aber 10 Folgen lang werden sollte, kann man sich ja denken, dass einiges hinzugedichtet wurde. Würde man jetzt also das Buch erst nach der Serie lesen, hätte man eine komplett falsche Vorstellung der Handlung und der Charaktere und fände das Buch vielleicht sogar etwas „lasch“. Was es nicht ist! Es ist gut und furchtbar gleichzeitig und „echt oag“, wie mir eine Freundin gesagt hat.

Dass die Serie so weit vom Buch abweicht, hat mich furchtbar geärgert. So sehr nämlich, dass ich die Serie in den ersten 5 Folgen verflucht habe. „DAS PASSIERT DOCH ALLES GAR NICHT IN ECHT!“, habe ich den armen Bildschirm angeschrien, der ja eigentlich gar nichts dafür kann.

Aber: Das Buch passiert auch nicht in echt (zum Glück), und viele der Dinge, die in der Serie passieren, könnte die Protagonistin im Buch auch nicht wissen. Sie erzählt ja nur ihre Rekonstruktion der Ereignisse, die ihr widerfahren sind, und weiß nicht, was den anderen Charakteren passiert.

Okay, was passiert da jetzt eigentlich: Im Gegensatz zu „1984“ scheint nämlich niemand „The Handmaid’s Tale“ in der Schule gelesen haben zu müssen, also hier die Kurzfassung: Die US-amerikanische Regierung wurde von einer Reihe Bibel-zitierender Männer mit Maschinengewehren gestürzt und eine neue Gesellschaft wurde etabliert. Denn: Die Bevölkerungszahlen sinken so stark, dass die Menschheit droht, auszusterben. Frauen dürfen nichts mehr besitzen oder arbeiten. Die wenigen fruchtbaren unter ihnen, die „Handmaids“ (Mägde) genannt, werden versklavt, gefoltert und müssen sich von den reichen Ehemännern unfruchtbarer Frauen schwängern lassen. Das Buch erzählt die Geschichte aus der Sicht einer von Ihnen, die es nicht geschafft hat, rechtzeitig nach Kanada zu fliehen.

Obwohl die Serie sich ungefähr so zum Buch verhält wie FanFiction zum Original, sehe ich das jetzt nicht mehr als einen Mangel an. So wie normalerweise das Buch viel mehr Nebenhandlungen und Details aufweist als die Verfilmung, wird hier der Spies umgedreht. Die Serie ist nicht nur eine Adaption, sondern vielmehr eine Erweiterung der Handlung. Sie ist die lebendig gewordene FanFiction, die morbide Fans über das Buch schreiben würden.

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Professionelle Harry Potter Fanfiction: Carry On

Was ist fast so gut wie Harry Potter das erste Mal zu lesen? Harry Potter noch einmal zu lesen!

Und was ist ein bisschen besser als Harry Potter noch einmal zu lesen? Harry Potter Fanfiction zu lesen! Und ja, es gibt auch professionell geschriebene Fanfiction neben den unendlich viel Speicherplatz auffressenden Texte, die man online lesen kann. Gerade fertig gelesen habe ich „Carry On“ von der Autorin Rainbow Rowell. Das Buch erschien 2015 und ist eine Art Spin-Off von ihrem 2013 erschienenen Buch „Fangirl“. Bei beiden handelt es sich um Literatur für „Jugendliche“, was auch immer das bedeutet. Ich fand mich jedenfalls mit 20 Jahren noch jugendlich genug für diese zwei wunderbaren, zuckerlfarbenen Bücher.

In „Fangirl“ (was übrigens ein Term ist, der ein Mädchen beschreibt, die ein leidenschaftlicher Fan von etwas, oft Büchern oder Bands, ist) schreibt Cath (das Fangirl) Fanfiction über „Simon Snow“, aka eine Fantasie-Version von Harry Potter (der an sich ja auch fantastisch ist). Sie bastelt sich eine Welt, in der sie alle Charaktere kennt und sie bestimmen kann, was passiert.

Um ihren Fangirls und -boys eine Freude zu machen (und, weil sie selbst wahrscheinlich eines ist), hat Rainbow Rowell dann auch die Fanfiction, die Cath schreibt, in ein echtes Buch verwandelt. Das Resultat, „Carry On“, las sich für mich wie eine buntere, modernere Version von den Büchern, die ich bereits mehrmals gelesen habe, weil ich sie so liebe.

Simon Snow ist wie Harry Potter ein Waise, der mit elf Jahren an einer Schule für Zauberei aufgenommen wird. Er hat einen begabten weiblichen Side-Kick und einen bösen Widersacher. Außerdem gibt es so etwas wie Dumbledore, so etwas wie Hagrid und so etwas wie Malfoy. Da hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf.

Und jetzt die große Preisfrage: Ist es ein gutes Buch?

Sagen wir mal so: Ich habe dieses 500-Seiten dicke Schätzchen innerhalb von 3 Tagen (die ich am Strand und im Bus verbracht habe) ausgelesen. Ich habe jede Minute genossen und bin wie ein echtes Fangirl in den fast-Kuss-Szenen total ausgeflippt. Geil war’s. Zugegeben: Wer Harry Potter nicht mochte und auch sonst Probleme hat wird das Buch vermutlich nicht mögen. Auch okay. Es ist ein Buch, ohne das man sicher leben kann. Aber als Harry Potter Fangirl/-boy war es das beste, was ich seit Barry Trotter (bitte nicht nachfragen) an Fanfiction gelesen habe.

Schlechte Titel! Oder: Anna Gavalda

Gerade ist Anna Gavaldas letztes Buch auch auf Deutsch erschienen (übersetzt von Ina Kronenberger aus dem Französischen), und: Es ist ganz gut, es ist schön, aber der Titel hätte mich fast von Morgen wird alles anders ferngehalten.

Besser bekannt als ihr letztes Buch ist ihr zweites, Zusammen ist man weniger allein, das 2007 mit Audrey Tautou verfilmt wurde. Genau wie bei ersterem fällt es auch bei Morgen wird alles anders zunächst etwas schwer, in die Story zu finden. Stories, eigentlich. Denn Morgen wird alles anders ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die leider nur im übertragenen Sinne (auch mit dem Titel) zusammen hängen. Teils geht es tatsächlich um Menschen, die von heute auf morgen ihr Leben ändern. Zum Beispiel bei dem LKW-Fahrer, der nach dem Tod seines Hundes endlich eine Familientragödie überwinden kann. Oder Yann, der sich in einer Dead End-Beziehung und einem faden Job gefangen fühlt. Andere Charakter finden nach einer mittelmäßig ereignisreichen, aber sehr schön zu lesenden Handlung einfach wieder back to normal.

Abgesehen davon, dass die Story nur drei Mal gebrochen und mit Tixo befestigt zum Titel passt, ist der Titel einfach langweilig. Jeder 5-Euro Liebesroman in der Libro-Wühlkiste könnte so heißen. Genau so ging es mir allerdings auch bei Zusammen ist man weniger allein, der Titel erinnerte mich an besagte Wühlkiste. Am Ende passte er aber, wenigstens. Zusammen ist man weniger allein hat noch andere Parallelen zu Morgen wird alles anders, abgesehen vom Titelniveau. Zusammen ist man weniger allein dreht sich ebenfalls um mehrere etwas verschrobene Charaktere, nur eben dass sie am Ende alle Zusammen finden. Und oh, da ist die Sprache.

Anna Gavalda schafft es, bei jedem Sprung zwischen den Charakteren auch die Sprache zu wechseln. Camille in Zusammen ist man weniger allein erzählt melancholisch, ein bisschen langsam und sehr ehrlich. Mathilde, eine der Figuren in Morgen wird alles anders, die eine Tasche mit viel Geld verliert, spricht wild durcheinander, atemlos und benutzt manchmal Emojis. Ein Vater und Architekt in Morgen wird alles anders vergleicht das Gesicht seines Sohnes, der ein Geheimnis nicht verraten kann, mit einer „Stützwand“. So, so schön.

Man darf kein weniger allein sein von Morgen wird alles anders erwarten, aber ein paar schöne, erst atemlos, dann mit tiefen, schweren Luftzügen geschriebenen Lesestunden. Darauf kann man sich im Morgen, wo alles anders wird, freuen.

Die Verfilmung einer unmöglichen Geschichte

Ich hab mir schon überlegt, ob ich eine neue Kategorie für all die ungeliebten, aufgegebenen und verhökerten Bücher anlegen soll, die ich aus den Bananenkisten auf Flohmarkstandln ziehe. So was wie „Flohmarktfünde“ oder „Second Hand Pages“. Das würde jedoch fast jedes Buch mit einfassen, dass ich hier vorstelle. Also dann doch nicht.

Dieses Mal bringe ich euch vom Tisch der ungeliebten Bücher (nach Kopfstücke, Memoiren einer Überlebenden und Eine kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch): Schwarz – Der Dunkle Turm. Das ist das zweite Buch, das ich jemals von Steven King ganz gelesen habe. Andere seiner Bücher habe ich zwar angefangen, nach ein paar Seiten, durch die ich mich durchquälen musste, aber wieder beiseite gelegt. Mir war sein Stil damals (auch wenn ich seine Sprache sehr schön fand) zu elaborativ, die Story schien sich nur sehr, sehr schleichend zu entwickeln. Anders erging es mir mit Carrie, von dem ich auch die Verfilmung sehr gut fand. Vielleicht lag das ja an seiner Kürze. Gar nicht kurz ist allerdings die Buchreihe, die Steven King 1982 angefangen hat, auf den Markt zu hauen (die einzelnen Kapitel wurden schon in den zwei Jahren davor veröffentlicht). Den ersten Teil, Schwarz, habe ich gerade minder begeistert fertig gelesen.

Mein Interesse an diesem Buch belief sich 1. darauf dass Steven King wahnsinnig beliebt ist 2. ich es für circa 40 Cent gekauft habe und 3. es wohl bald als Serie verfilmt wird. Die Geschichte hinter der hoffentlich-dann-endlich-bald-passierenden-Verfilmung der Reihe ist die folgende: Steven King hat erst nur J. J. Abrams anvertraut, die Bücher so zu verarbeiten, dass die Verfilmung ihnen gerecht wird. Er bat ihm die Rechte für symbolische 19 Dollar an, aber J. J. Abrams lehnte ab, da er sich an so ein langfristiges Projekt nicht herantraute. Dann sollte die Buchreihe in 3 Filmen und einer begleitenden TV-Serie umgesetzt werden. Das ganze wurde zeitweise abgesagt, Darsteller wurden genannt und dann wieder geändert, das ganze hätte Januar 2017 in die Kinos kommen sollen. Daraus wurde jetzt ein Kino-Start 2018, zeitgleich mit der Serie im TV und Streaming-Diensten. Man darf gespannt sein!

Tatsächlich fühlte ich mich nach dem Lesen des ersten Teils, Schwarz, als hätte ich gerade die ersten zwei Folgen einer Serie gesehen. Die Welt ist nur umrissen, Charaktere werden vorgestellt und verschwinden gleich wieder (weil sie wohl eh nicht so wichtig waren) und man versteht in etwa was passiert, aber nicht unbedingt warum und wieso und wo das ganze hinführt. Geschrieben ist das ganze recht ordentlich. Das ist leider das beste, was ich darüber sagen kann, denn die deutsche Übersetzung hinkt leider oft sehr hinterher. Manche Wörter wurden zum Beispiel einfach eins zu eins eingedeutscht; Oder kann mir jemand sagen was das Wort „avatieren“ bedeutet? Es kommt im Buch zwei Mal vor und ich habe noch keine Erklärung dazu gefunden.

Die Story dreht sich um den „Revolvermann“, der anscheinend als letzter seiner Art den „Mann in Schwarz“ sucht. Der ist nämlich ein böser Zauberer und muss daher getötet werden. Der Weg dorthin ist natürlich nicht gerade leicht zu bewältigen. Mehr kann ich nicht verraten, außer vielleicht, dass das ganze in einer seltsamen zukünftigen Welt stattfindet (zumindest im ersten Teil, anscheinend spielen die anderen in zu anderen Zeiten), in der es Mutanten, Vampire, Zauberer und solchen Klamauk gibt. Und Revolvermänner. Ich freue mich jedenfalls total auf die nächsten Bücher! Einfach, weil ich mir dann die Serie anschauen und allen, die sie mögen, sagen kann, dass die Bücher viel besser waren. Auf geht’s!

Ein Loch im Kopf

Kopfstücke hat als Mängelexemplar auf einem Flohmarkt zu mir gefunden. Ich konnte keine Mängel feststellen.

Das 200-Seiten leichte Buch ist in 3 Stücke unterteilt: Waldstück, Winterstück und Nachtstück. Um zum eigentlichen Kopfstück zu kommen: Es geht um Yolande, die sich das ganze Buch über versteckt hält. Zuvor hat sie sich um den Bruder und die behinderte Schwester gekümmert. Ersterer schlägt ihr in einem Wutanfall mit der Spitzhacke ein Loch in den Kopf. Yolande überlebt nicht nur, sie flüchtet sogar und hält sich von da an in einer Waldhütte versteckt. Sie muss wahnsinniges Glück gehabt haben, denn das Loch in ihrem Kopf bereitet ihr kaum Schmerzen, nur ein bisschen schwindlig ist ihr.

Die Hütte, in der sie Unterschlupf sucht, gehört Erwin, der sie ob seiner erotischen Faszination zu dem Loch in ihrem Kopf (Jap!) bei sich wohnen lässt und sie mit Nahrungsmitteln versorgt, nicht aber mit ärztlicher Hilfe (Jap!). Stattdessen bringt er seine Freunde vorbei, die seine Neigungen teilen. Kaum ein Mann in diesem Buch scheint wahnsinnig hilfreich oder auch nur angenehm zu sein. Yolandes zweiter Zufluchtsort (Winterstück) ist das Haus eines früh-pensionierten, weil depressiven, Anwalts. Er hegt eine andere Faszination zu Yolandes (heilenden) Kopfloch: Er glaubt, sich durch Trepanation, als das Kopf-Loch-Bohren, Linderung von seinen depressiven Anfällen verschaffen zu können. Yolande flieht auch von ihm, bevor das passieren kann.

Im Winterstück verlagert sich die Perspektive von Yolande als Ich- Erzählerin zu Cora, die obdachlos war und Opfersäckchen verkauft, die den Käufern alle Wünsche erfüllen. Wie die meisten Frauenfiguren im Buch hilft sie Yolande, auch wenn das Kopfloch längst kein Thema mehr ist. Es erschließt sich einem nicht ganz, warum sich der Fokus am Ende des Buchs auf Cora verlagert. Yolande ist in den ersten zwei Stücken berechnend und vorsichtig, im letzten Teil passieren ihr aus Leichtsinn die schlimmsten Dinge. Vielleicht wurde also das metaphorische Ruder der Geschichte an Cora abgegeben.

Es ist übrigens schwer zu sagen, in welcher Zeit das Buch spielt. Es ist die  Rede von Bohrmaschinen und Fernsehern, aber die Sprache und das Dorf- und Kloster-Setting erinnern an Romane aus älteren Zeiten. Auch Yolandes Kopfloch und die Charaktere, die sie trifft, muten an wie zwischen den Welten.

Leseempfehlung? Also, wem Marlen Haushofers Die Wand gefallen hat, dem wird auch Kopfstücke gefallen. Manchmal ungewollt witzig, böse und total unrealistisch. Das muss man halt mögen. Aber gut gelesen hat es sich auf jeden Fall.

 

Doris Lessing – Unbeliebte Bücher, geliebt

Durch Zufall ist mir Doris Lessing jetzt schon zwei Mal in die Hände gefallen. Zuerst vor circa acht Jahren, als ich ihr Buch Das fünfte Kind in der Wühlkiste eines Buchladens in Eisenach entdeckte. Dieses Jahr wieder, als mir Memoiren einer Überlebenden in dem Stand eines Buchantiquariats ins Auge stach. Solche Zufälle sollte es öfter geben.

Beide Bücher liebe ich. Weil Doris Lessing eine einfache Sprache findet und mit ihr die kompliziertesten Geschichten erzählt. Nicht kompliziert im Sinne der Handlung, aber im Sinne des Themas.

Das fünfte Kind habe ich sogar so sehr geliebt, dass ich es zwei Mal gelesen habe. Es handelt vom Leben einer Mutter. Vorerst verläuft alles wie ins Bilderbuch gemalt. Sie findet den perfekten Mann, bekommt vier tolle Kinder und dann könnte auch irgendwie Schluss sein. Aber ein fünftes Kind zerreißt die Familienidylle. Es heißt Ben, und seine Mutter ist, anders als bei den anderen Kindern, komplett allein mit ihm. Ben ist brutal, bösartig, angsteinflößend, schon im Mutterleib. Am Ende des Buches verlässt er mit zwölf Jahren das Zuhause seiner Familie, zusammen mit einer Bande aus älteren Burschen. Er kehrt zurück in der Fortsetzung Ben in der Welt, die 2000 erschien.

memoiren

Das Thema Mutterschaft erscheint oft in den Büchern von Doris Lessing. Sie ließ ihre zwei Kinder aus erster Ehe nach der Scheidung bei deren Vater um aus dem heutigen Simbabwe nach Großbritannien auszuwandern. Und das im Jahre 1949. Sie sagte später darüber, sie wäre als intellektuelle Frau zur Alkoholikerin verkümmert, hätte sie sich nur noch mit kleinen Kindern befasst.

In Memoiren einer Überlebenden geht es um eine andere Form von Fürsorge. Das Setting ist ein ganz anderes. Es erinnert an eine Post-Apokalypse in 1984-Form. Nur kommt die Apokalypse nicht mit einem Knall, sondern schleichend. Die Luft wird schlechter, Ressourcen werden knapp, Strom, Heizung, Wasser – alles funktioniert langsam nicht mehr. Im Überlebenskampf löst sich die gesellschaftliche Ordnung auf. All das wird beobachtet von der einer älteren, allein lebenden Frau. Sie übernimmt die Fürsorge über ein zwölfjähriges Mädchen, dass im Laufe des Buches viel zu früh zu einer reifen, müden Frau mutiert, die weiß, wie man überlebt. Die Geschichte wird auch in einer zweiten, visionären Ebene aufgetrieselt, die sich hinter einer Wand befindet.

Beide von Lessings Romanen haben etwas sehr surreales, fast Fantasy-ähnlich an sich. Der später erschienene Roman-Zyklus Canopus in Argus findet auch im Science Fiction-Genre seinen Platz und damit ein ganz anderes Publikum als das ihrer anderen Bücher. Literaturwissenschaftler sehen das 1962 erschienenes Buch Das goldene Notizbuch als ihr Hauptwerk an. Doris Lessing selbst sagte zuletzt, dass sie Canopus in Argus am besten findet.

Sie erhielt 2007 den Nobel Preis für Literatur. Das goldene Notizbuch wurde hier im Jahre 2008 als Online-Version zum Lesen und kommentieren verarbeitet.

Herzmilch, Aberland, Muttergehäuse – Eine Review der Klemm’schen Trilogie

Wie versprochen an dieser Stelle  mein Eindruck der drei bereits erhältlichen Romane von Gertraud Klemm. Wir haben kürzlich ein Interview mit ihr geführt – hier.

 

Herzmilch

Am Beginn stehen Kindheit und Jugend der Hauptperson. Klemm selbst würde es „Sozialisation“ nennen, lustig, da sie beschreibt, oft auch (glücklich und unglücklich) allein zu sein. Durch das Gespräch mit der Autorin, und aus kleinen Anekdoten, die sich im Laufe unseres Aufenthaltes bei den Rauriser Literaturtagen in meinem Kopf gesammelt haben, wird rasch klar, dass es hier etwas sehr Autobiographisches zu lesen gibt.
Mir persönlich gefällt vor allem die Jugendzeit, da ich dieser erst vor kurzem selbst entstiegen bin, und teilweise ähnliche Erfahrungen gemacht habe.
Auffällig: Die Rolle der Frauen in der Gesellschaft als wiederkehrende Thematik – sowohl ganz konkret in den Gedanken der Hauptfigur, wie auch in ihren Beobachtungen anderer.
Als weibliche Studierende im Jahr 2017 ist das Thema Weiblichkeit in der Gesellschaft keineswegs spurlos an mir vorbeigegangen – ich habe mich selbst oft gedanklich und im Diskurs mit anderen der „Problematik“ angenommen. Und festgestellt: Es sollte keine Problematik in diese Richtung geben. Frauen sind keine Minderheit – etwa 50% der Menschen auf dieser Welt sind weiblich. Es sollte de facto in so gut wie keinem Lebensbereich (Ausnahme: das Kinderkriegen. Da aber auch nur die Schwangerschaft an sich und der bloße Akt des Raus-Pressens, keinesfalls alles, was davor oder danach kommt) einen Unterschied machen, welchen Geschlechts man ist.
Da ich in meinen Überlegungen zu dieser Erkenntnis gekommen bin, war es mir fast ein bisschen unangenehm, erneut darauf gestoßen zu werden, dass alles nicht so rosig ist, und bei weitem nicht jede meine Meinung teilt.
– Manchmal muss Literatur jedoch unangenehm sein, um das Denken anzustoßen.
Zusätzlich stieß mich vor den Kopf, dass die Handlung ab einem gewissen Punkt klar vom Lauf des Lebens der Gertraud Klemm abzweigt und ihren eigenen Weg geht:
A) Komisch, das zu wissen.
B) Komisch, dass ich sofort glaube: Aha, die Protagonistin ist die Autorin selbst.
Fiktion ist ungleich Fakt, Kindchen. Nimm dich selbst an der Nase.

Aberland

Hier wird kapitelweise abwechselnd aus zwei Perspektiven erzählt: Elisabeth ist 58, Hausfrau, Mutter und Oma, ihre Tochter Franziska hadert mit dem Leben zwischen Jung-Familie mit kleinem Kind und dem Wunsch, ihr Studium endlich abzuschließen und zu arbeiten.
In dieses Buch konnte ich mich zunächst schlecht einlesen, obgleich es liebevoll gestaltet ist: Zu Anfang jedes Kapitels gibt es eine Einladung zu einem Event aus dem Leben der Person, die gerade Protagonistin ist – quasi, um up to date zu bleiben.
In einem Gespräch über das Buch wurde mir klar, dass ich mich mit der Jüngeren der beiden identifiziere – problematisch, da ich ihre Entscheidungen und deren Begründung mitunter nicht oder nur schwer nachvollziehen konnte. Schlicht: So hätte ich nicht gehandelt und geurteilt.
Elisabeth als ältere, sportliche, gut betuchte Frau fand ich zwar durchaus glaubwürdig beschrieben – mit ihr warm wurde ich jedoch nicht so richtig.
Auch fand ich hier weniger Anschluss an die Gedankengänge der Protagonisten – vielleicht gerade, weil sie diesmal sehr bewusst fiktiv waren, und die eigentliche Meinung der Autorin nicht zwingend wiederspiegeln?

Muttergehäuse


Darauf war ich besonders gespannt: Gertraud Klemms persönlichstes Buch teaserte sie schon bei ihrer Lesung in Rauris an. Es stellte sich heraus, dass sie wirklich gute Stellen gewählt hatte. Mir schien, als kenne ich alles schon. Dennoch gefiel es mir: Das Tempo, der Stil, die Story. Die Vorgängerversion, Mutter auf Papier, hatte in Erstauflage wenig Liebe erfahren, und war halbherzig, und, wie Klemm sagt, „viel zu früh“ veröffentlicht worden. Leider findet sich diese Version nicht so leicht – interessant wäre doch, was sich wie genau geändert hat!
Die aktuelle Version ist um einiges gekürzt und ein wenig aufbereitet worden, und siehe da: Ein Erfolg.
Plot ist, dass eine Frau mit Kinderwunsch über längere Zeit nicht schwanger wird und sich mit ihrem Mann für die Adoption eines afrikanischen Waisenkindes entscheidet – in wenigen Worten ein Teil der Lebensgeschichte der Autorin. Gerade deshalb vermittelt sie die Geschichte so ein- und aufdringlich, als wäre man selbst gerade in dieser Situation. Klemm meinte dazu im Interview, sie fand damals kein Buch, welches ihr beim Verkraften und Verarbeiten geholfen hätte, und beschloss so, sich selbst eines zu schreiben – diesen Roman.
Schön: Ihre im Buch festgehaltenen Träume.

Fazit: Ich habe die Bücher der Reihe nach gelesen, und würde sie vielleicht nicht ganz als Romane bezeichnen – zu unwichtig wird der Plot oft angesichts der zu vermittelnden Ideen der Dynamiken der Gesellschaft. Muttergehäuse ist wohl das spannendste und zugleich auch emotionalste Buch, Herzmilch das ob der Thematik für mich Ansprechendste, und Aberland das, welches am stärksten ein Portrait einer Gesellschaft zeichnet. – Aber seht selbst: Ich kann sie alle drei empfehlen, nicht zuletzt, weil es sich um österreichische Gegenwartsliteratur handelt.

 

Bis zum Erbsenzählen im September.

Der Herr der Zwangsliteratur

Von einem starken Uninteresse an der kurz vor Weihnachten erschienenen Belletristik gepackt wünschte ich mir letzten Dezember eine Reihe an Klassikern zu Weihnachten. Unter anderem Catch-22, One Flew Over the Cuckoo’s Nest, und Lord of the Flies.

Catch-22 liebte ich wegen der Handlung, auch wenn mir die Sprache teilweise unergründlich schien. One Flew Over the Cuckoo’s Nest legte ich nach 40 Seiten vorläufig beiseite, weil ich wegen der Sprache immer wieder abdriftete. Dabei finde ich die Thematik total spannend, schade. Lord of the Flies gewann ich erst nach einer Zeit lieb, vielleicht lag das auch daran, dass ich die „Fremdsprachen“-Version habe, die am Ende jeder Seite die ungewöhnlichsten Vokabel übersetzt.

Der Herr der Fliegen war sprachlich weit entfernt vom IKS-Haken und Einer flog über das Kuckucksnest. Ansonsten haben die drei auch nichts miteinander gemeinsam, ausgenommen der Kriegsthematik der ersten zwei. Trotzdem zählen sie alle zu den sogenannten „Klassikern“, den „Was-die-du-hast-nicht-gelesen?!-Büchern“, den „Die-musste-ich-in-der-Schule-lesen-Büchern“ oder, wie ich es nenne, der „Zwangsliteratur“. Denn sie zu lesen oder zumindest zu kennen wird von unbenannten Standards vorausgesetzt. Wer sie allerdings in der Schule lesen muss, hat das Pech, sie vermutlich zu hassen, weil derjenige eine 600 Wörter Interpretation über sie schreiben musste. Wer sie erst nach der Schule liest, hat das Pech, dass sie alle anderen schon in der Schule gelesen haben und deswegen niemand mit einem darüber reden will. Außerdem muss man ja so viele Klassiker nachholen, dass am Ende keine Zeit bleibt, die aktuell diskutierten Bücher zu lesen. Man kommt irgendwie nicht nach, wenn man pro Monat vier Bücher liest und pro Woche sieben neue Bücher herauskommen, die man auch lesen will. Mehr Lesezeit braucht das Land.

Auch wenn ich mich durch Catch-22’s Englisch durchquälen musste, musste ich auch oft laut lachen und meinen Freunden die besten Stellen erklären, damit sie mit mir lachen konnten. Auch wenn Lord of the Flies nach dem Lesen der Interpretation im Nachwort wahnsinnig inszeniert und viel zu durchdacht wirkte, um für mich als Kunst und nicht als ein falsch angedachtes Beispiel durchzugehen, hat mir vieles darin die Welt ein bisschen erklärt. Auch wenn ich One Flew Over the Cuckoo’s Nest beiseite gelegt habe, werde ich mich auch durch dieses durchquälen, allein schon aus Mitleid. Und es wird mir dann vermutlich eh gefallen.

Trotzdem finde ich, man muss Klassiker nicht unbedingt lesen, wenn sie einen nicht interessieren. Und schon gar nicht, wenn es überhaupt keinen Spaß macht, denn das sollte es. Aber wenn man sich dieser Zwangsliteratur verschreibt, kann man einiges lernen. Nur halt über vergangene Zeiten, was manchmal fad ist.

Sylvia Plath für zwischendurch

Sylvia Plath ist wohl eine der bekanntesten Poetinnen, nicht zuletzt durch den ihr posthum verliehenen Pulitzer Preis für ihren Band The Collected Poems. Man muss leider sagen dass sie zum Symbol der den Suizid romantisierenden Künstlerszene geworden ist, vor allem durch den Gedichtband Ariel, der nach ihrem Selbstmord 1963 veröffentlicht wurde. Ich kann es aber den Liebhabern ihrer Gedichte nicht verübeln, dass sie den Tod durch eine Art poetischen rosaroten Schleier sehen, denn Sylvia Plaths Texte dazu, allen voran Lady Lazarus, ziehen einen mit ihrem Rhythmus, ihren brutalen Bildern und der Art, wie die Interpunktion zwischen den Versen gesetzt ist, in einen Bann. Manche ihrer Gedichte sind auch einfach #relatable, ohne, dass sie von Selbstmord handeln. Hier haben wir ein paar Auszüge aus ihnen. Weiterlesen stark empfohlen!

There is a green in the air,
Soft, delectable.
It cushions me lovingly.

I am flushed and warm.
I think I may be enormous,
I am so stupidly happy

–  Letter in November

 

What a thrill
My thumb instead of an onion.
The top quite gone
Except for a sort of a hinge
Of skin,
A flap like a hat,
Dead white.
Then that red plush.

–  Cut

 

I know the bottom, she says. I know it with my great tap root:
It is what you fear.
I do not fear it: I have been there.
Is it the sea you hear in me,
Its dissatisfactions?
Or the voice of nothing, that was your madness?
Love is a shadow.
How you lie and cry after it
Listen: these are its hooves: it has gone off, like a horse.
All night I shall gallop thus, impetuously,
Till your head is a stone, your pillow a little turf,
Echoing, echoing.
– Elm

Gotland – Über Schweden, Inzest und Michael Stavarič

Als ich Michael Stavarič bei den Rauriser Literaturtagen um eine Signierung bat, fragte ich ihn, was ihm an seinem Roman Gotland gefällt. Er antwortete, relativ schnell: „Dass er so vielschichtig ist.“ Und weiß Gott (pun intended), das ist er.

Gotland ist eine schwedische Insel, auf der die größte Erhöhung atemberaubende 82 Meter über dem Meeresspiegel beträgt. Trotzdem beginnt Gotland mit einem 18-seitigen Vorwort, in dem der Autor beschreibt, wie er abertausende Seiten über die Erklimmung eines gigantischen Berges auf Gotland schreibt. Das Manuskript verbrennt er am Ende, es bleibt zu rätseln, ob es je wirklich existiert hat.

Dem folgt ein Epilog über die Insel Gotland und ihre (ich wage zu behaupten, erfundene) Geschichte mit dem Gott des christlichen Glaubens, der schon eher wie der Rest des Buches aus dem Hirn des Protagonisten stammen könnte, aber man weiß es nicht.

Dem folgt die makabere Geschichte des aufwachsenden Protagonisten. Unser bis kurz vorm Ende (taktisch überlegt) namenloser Patient wächst erzkatholisch auf, mit Analfixierung wegen mangelnder sexueller Aufklärung und Allem. Er vergöttert seine ihn allein erziehende Mutter nicht nur inzestuös, sondern auch als eine Art Gott, ersteres scheint sie teilweise zu erwidern (oder auch nicht? es ist alles sehr, sehr vage).

Die letzten Kapitel seiner Erzählung wirken wie ein düsterer, apokalyptischer Fiebertraum zwischen Sekten-Experience und Drogentripp, und man weiß gar nicht, wo hat das jetzt angefangen? Und was will es? Am Ende wird zwar alles aufgelöst, danach folgt aber ein Ende Teil 2, sozusagen, das zwar aufgelöst aber auch hochgradig verwirrt zurücklässt. Ach, lies es einfach.

Sprachlich gibt Gotland schön viel her. Es liest sich wie eine sehr sehr detaillierte Erzählung am Lagerfeuer, was nahe liegt, denn am Ende erfahren wir, was wir schon geahnt haben: Es ist ein Tagebuch (bis auf die Teile, die überhaupt kein Tagebuch sind).

Michael Stavarič sagte mir noch, er habe so lange an dem Buch gearbeitet, und er hoffe „es ist gut geworden“. Und weiß Gott, das ist es.