The Poetry of Nayyirah Waheed – Oder: Was ist Dichtung im 21. Jahrhundert?

Ich darf unterstellen: Kaum jemand aus meinem engeren Bekanntenkreis (gebildete, mehr oder weniger lesende Menschen) kennt zeitgenössische Dichter beim Namen. Vielleicht fällt ein paar von ihnen ein Gedicht ein, dass sie in der Schule interpretieren mussten, aber das war’s dann auch schon wieder.

Dichtung hat heute nicht mehr denselben Stellenwert wie vor ein paar hundert Jahren, als außerhalb des Deutschunterrichts Dichter auch als echte Künstler galten, und damit zu kennen waren. Wird generell heute weniger gelesen? In Zeiten in denen die Alltags-Poetik maximal 140 Zeichen haben darf und Videos und Bilder viel höhere Klickzahlen verzeichnen als geschriebenes, vielleicht. Gelesen werden Bücher aber trotzdem noch (sogar jemand mir sehr nahe stehendes, der nie freiwillig in ein Buch geblickt hat, liest jetzt die Mangas zu seinem Lieblings-Anime. Immerhin.). Aber Gedichte lesen trotzdem die wenigsten. Weil: schwer zu verstehen, langwierig, fad. Aber! Es gibt sie auch, die auf Social Media bekannten DichterInnen, deren Texte man zumindest mal irgendwo auf Pinterest oder Instagram gesehen hat. Auch wenn man darüber streiten kann, ob Stefanie Sargnagels Ergüsse als Gedichte zu behandeln sind, trifft sie mit kurzen Worten (aber auch längeren Texten) den Zeitgeist, und was muss Poesie mehr?

Nayyirah Waheed ist auch durch Social Media erst richtig bekannt geworden. Sie selbst tritt allerdings kaum auf, es ist praktisch unmöglich, überhaupt ein Foto von ihr zu finden. Stattdessen lässt sie ihre Texte für sich sprechen. Ihr erstes Buch Salt. hat sie selbst herausgebracht, über Instagram und Twitter verbreiteten sich ihre Texte. Sie schaft es mit nur sehr wenigen Zeilen, die mit keiner klassischen Gedichtform zu vergleichen sind, den Gefühls-Damm im Leser zu sprengen. Ihre Worte begleiten einen noch lange.

Das Erscheinen von Poesie wie ihrer, die zeitgeistige Themen wie Feminismus und Xenophobie aufgreift, in einer Form, die online sehr gut funktioniert, könnte ein Vorgeschmack auf die Zukunft der Dichtung sein. Und die zukünftigen DichterInnen.

 

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Erbsenzählen, der Umgang mit Kritik und die Nöstlinger – Gertraud Klemm im Interview

Gertraud Klemm ist eine österreichische Schriftstellerin, deren Werke als „Romane“ tituliert werden, jedoch in Wahrheit nur schwer in eine Kategorie einzuordnen sind. Was sie schreibt, wird viel diskutiert – Lob und Kritik gehen Hand in Hand.
Bei den Rauriser Literaturtagen hatten wir das Glück, sie nach der Lesung zu ihrem aktuellsten Buch „Muttergehäuse“ persönlich treffen und mit ihr sprechen zu dürfen. Sie sprach mit uns übers Lesen, Schreiben und über ihr neues Buch „Erbsenzählen“, welches im September erscheint.

 

Was liest du gerade?
Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ von Sabine Gruber.

 

Und was liest du im Moment generell gerne?
Ich lese viel, was kontrovers diskutiert wird, und ich lege sehr viel wieder weg. Ich habe „Ein wenig Leben“ jetzt gerade weggelegt. Wenn alle über ein Buch reden, dann muss ich da auch reinlesen, und möchte das nachvollziehen können, ob es das halten kann, was dauernd versprochen wird.
„Alles über Beziehungen“ von der Doris Knecht hat mir wahnsinnig gut gefallen. So gut, dass ich einen Traum gehabt habe, dass ich mich bei ihr dafür bedankt habe.
Ich mag die Art, wie sie auf das Schreiben zugeht: So furchtlos. Sie „scheißt sich nix“, von Anfang an, und das taugt mir. Ich mag das sehr, wenn Frauen so furchtlos sind.

 

Was hast du als Kind am liebsten gelesen?
Die Nöstlinger. Ich bin süchtig – die habe ich bis ins Erwachsenenalter immer wieder gelesen. Weil ich ihre Sprache so schön und witzig finde. Am liebsten die Gretchen Sackmaier.
Ich habe schon sehr früh angefangen, Erwachsenenliteratur zu lesen, da war ich 13 oder 14.

 

Wie kommt man von einem 9-5 Job als Biologin zum Schreiben?
Das ist jetzt ein riesiges Klischee, aber ich hab schon als Kind geschrieben und wollte immer Schriftstellerin werden, aber die Biologie war die Vernunftehe. Zum beruflichen Schreiben bin ich durch eine Lebenskrise gepaart mit plötzlichem Erfolg mit zwei Literaturpreisen gekommen. Das gemeinsam hat die Energie erzeugt, mit der ich dann aus dem Gleis gesprungen bin. Ich hab mir gedacht: Jetzt bin ich Mitte 30, jetzt kann ich‘s noch rumreißen. Ich habe mir ein Jahr zum Schreiben genommen, da bin ich dann nicht mehr rausgekommen. Meinen ersten beiden Romane habe ich geschrieben & gleich weggehaut (lacht). Nach fast zehn Jahren ist die Arbeit dann aufgegangen.

 

Wann hast du begonnen, deine Texte an Verlage zu schicken?
Als ich Romane geschrieben habe, die man nicht mehr wegschmeißen musste. Mutter auf Papier und Herzmilch habe ich viel zu früh, viel zu unfertig geschickt. Mein Lektor Rainer Götz hat mir später gesagt, er wäre fast bei Seite 20 aus „Herzmilch“ rausgekippt, weil so viele tausend Fehler drin waren. Er war gut drauf, sonst hätte er nicht weitergelesen. Es war so unkorrigiert und unfertig. Das ist mir jetzt noch peinlich. Aber ich glaube, man kann nicht alles können: Schreiben und kreieren und ordnen und korrigieren – man kann nur eins von vielen gut machen. Ich bin nach wie vor gefürchtet für meine fehlerhaften Texte.

 

Wer sind deine Vorbilder?
Sylvia Plath, Aglaja Veteranyi, Brigitte Schwaiger, Margaret Atwood, Doris Lessing, John Irving, John Updike.

 

Hast du außer deinem Lektor noch Leute, die deine Texte vorab lesen?
Niemanden mehr. Früher schon, das hat sich aber aufgehört. Es müsste jemand sein, der auf einem ähnlichen Stand ist wie ich. Der ähnlich publiziert hat, ähnliches macht wie ich. Der auch bei einem guten österreichischen Verlag regelmäßig publiziert und damit auch kontrovers diskutiert wird. Und auch diese Polarisierung hervorruft. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr will ich das eigentlich gern mit mir selbst besprechen, und das kann ich am besten mit mir selbst.
Und das, was wirklich gefährlich ist oder wichtig ist, kann man immer mit Lektoren besprechen. Die sind oft sehr hilfreich wenn es darum geht wie zB. das Ende sein soll – so etwas wird zum Teil besprochen. Die großen Fallen oder Gefahren – diese Entscheidungen musst du eh selber treffen. Und oft ist es nur eine Woche oder ein langer Lauf oder irgendein Erlebnis, das du hast, und plötzlich weißt du, wie es weitergeht und wie nicht. Manchmal aber wäre ich gern zu zweit und würde mir gerne die Mühen und die Freude teilen – so wie in einer Lebensgemeinschaft. Ich glaube, ich hätte sogar ein paar Personen, mit denen ich das könnte, aber es wäre irrsinnig aufwendig.

 

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Was magst du an deinen Texten?
Dass sie die weibliche Sicht eröffnen und den gewohnt männlichen Blick auch mal verwässern. Ich mag, dass die Leute beim Lesen so verschluckt lachen. Das ist ein Ton, den viele nicht finden. Und ich mag, dass sie Ohrfeigen aushalten (lacht).

 

Wie geht man mit Ohrfeigen wie dem Titel „Unter der Fuchtel der Hormone“ einer Kritik um?
Man muss sich so eine Kritik immer in ihrem Gesamtkonzept anschauen. Diese Kritik kam von einer Kollegin und war auf eine ereifernde Weise hasserfüllt. Mit einem ganz großen, scheußlichen Foto von mir darüber. Die Message war: Die Klemm leidet unter Hormonschwankungen, ist nicht zurechnungsfähig, hässlich, und tut doch nur so, als wäre sie Feministin. Was sie schreibt, soll man um jeden Preis als frauenfeindlich verstehen. Und jetzt noch ein Tritt und weg mit ihr.
Eine dermaßen geifernde Kritik entlarvt vor allem die Rezensentin und ihre Motive. Ich war trotzdem sehr verletzt. Ich hatte das Gefühl, man will mich aufhalten oder zumindest zum Stolpern bringen. Sowas streckt nieder, aber es immunisiert auch, wie eine Infektionskrankheit.

 

Kannst du die Kritik an deinem Buch von der Kritik an deiner Person trennen?
Manchmal kann ich‘s trennen, manchmal nicht  Aber ich glaub, das ist der ganz große Hasenfuß an der Feminismus-Geschichte, dass die Kritik am Werk immer auch das persönliche Leben betrifft. Dass das Private politisch ist. Ich spreche viel Unerträgliches aus. Dass zum Beispiel auch die Gerechtigkeit in Partnerschaften immer im Alltag gelebt werden und nicht auf der Straße bestritten werden muss. Dass der Krieg zu Hause, im Bett, am Tisch, in der Küche, am Klo ausgefochten werden muss. Dass man etwas einfordern muss, von der Person, die du liebst, mit dem Risiko, dass sie dich nachher nicht mehr liebt. Das ist viel schwieriger, als mit einem Schild auf die Straße zu gehen. Wer so viel Politisches im Privaten anspricht kriegt es eben genauso wieder zurück – Privat. Und dann kommt noch das Körperliche dazu. Ich glaub, man kann nicht über die Benachteiligung der Frau schreiben, wenn man sich nicht dieser Körperlichkeit annimmt.  Insofern ist die private Kritik an mir auch immer ein Stück Politik.

 

Mit welchem Klemm-Buch soll man anfangen?
Wenn man etwas über meine Sozialisation erfahren will, dann ist Herzmilch das beste Buch. Wenn man etwas darüber erfahren will, was ich kann, ist Aberland das beste Buch. Und wenn man etwas darüber erfahren will, was mir wehgetan hat, dann würde ich Muttergehäuse lesen.
Der Gedichtband ist spannend, weil er null Mal besprochen wurde – es gibt glaube ich nur eine einzige Rezension. Ich glaube, wenn man mir auf die Schliche kommen will, dann müsste man diese Lyrik lesen. Ich habe darin irrsinnig viel an Moral und Unmoral von mir versteckt. Aber es ist sehr enigmatisch, habe ich gehört.

 

Worum geht es im neuen Buch?
Es geht um die Beziehung zwischen einer jungen Frau und einem 30 Jahre älteren Mann. Die beiden haben eine Beziehung, wo alles nur gut ist: Ohne Verbindlichkeiten, aber doch mit Zuneigung und Respekt und mit einer guten Sexualität.
Er ist Kulturradiomoderator mit einer Waldhonigstimme. Das ist etwas, was ich nie gehabt habe: einen älteren Liebhaber mit einer schönen Stimme. Das ist ja auch das Schöne, wenn man das so nachholen kann in der Literatur: Man kann sehr viel lesen und schreiben, ohne es machen zu müssen, deswegen auch die vielen Sexszenen. Da muss man sich nicht schmutzig machen, und keine Risiken eingehen (lacht).
Dann hat der Alfred einen Herzinfarkt. Die Beziehung ändert sich auf einmal komplett, weil Annika plötzlich aus diesem Jetzt hinaus und in das Morgen hineinfällt – was sie nie wollte. Die Liebe wird auf einmal verbindlich.

 

Dein neuer Roman „Erbsenzählen“ erscheint im September bei Droschl – Was bedeutet der Titel?
Die Erbsen sind im Roman metaphorisch als Währung des scheinbaren Glücks, das in Konsumgut, Statussymbolen und familiären Leistungskennzahlen aufgewogen wird. Annika sieht ihr Umfeld so, als würden sie das Geleistete in Erbsen abzählen: das eigene Haus ist eine Erbse, das Auto ist eine Erbse, der Kredit ist eine Erbse und die Kinder sind Erbsen. Die Menschen sammeln Erbsen und legen sie dann bei jeder Gelegenheit – bei den Eltern, vor den Kollegen etc. – auf den Tisch und sagen „Schau, das hab ich alles geleistet“. So sieht Annika ihre Umgebung und sie will das um jeden Preis verhindern. Aber sie kommt dann auch  nicht um diese Erbsenzählerei herum.

 

Wenn du nicht das schreiben würdest, was du jetzt schreibst, was würdest du dann schreiben?
Songtexte! Singer-Songwriter, ein bisschen schräg. Wahrscheinlich nicht auf Deutsch. Das könnte ich glaub ich auch. Ich würde am ehesten singen und mich dabei begleiten.

 

 

 

 

Neugierig geworden? Nächste Woche stellen wir euch Gertraud Klemms drei Bücher „Herzmilch“, „Aberland“ und „Muttergehäuse“ vor und vergleichen sie (soweit möglich) miteinander.

Euer Wortgewald

 

 

 

Sylvia Plath für zwischendurch

Sylvia Plath ist wohl eine der bekanntesten Poetinnen, nicht zuletzt durch den ihr posthum verliehenen Pulitzer Preis für ihren Band The Collected Poems. Man muss leider sagen dass sie zum Symbol der den Suizid romantisierenden Künstlerszene geworden ist, vor allem durch den Gedichtband Ariel, der nach ihrem Selbstmord 1963 veröffentlicht wurde. Ich kann es aber den Liebhabern ihrer Gedichte nicht verübeln, dass sie den Tod durch eine Art poetischen rosaroten Schleier sehen, denn Sylvia Plaths Texte dazu, allen voran Lady Lazarus, ziehen einen mit ihrem Rhythmus, ihren brutalen Bildern und der Art, wie die Interpunktion zwischen den Versen gesetzt ist, in einen Bann. Manche ihrer Gedichte sind auch einfach #relatable, ohne, dass sie von Selbstmord handeln. Hier haben wir ein paar Auszüge aus ihnen. Weiterlesen stark empfohlen!

There is a green in the air,
Soft, delectable.
It cushions me lovingly.

I am flushed and warm.
I think I may be enormous,
I am so stupidly happy

–  Letter in November

 

What a thrill
My thumb instead of an onion.
The top quite gone
Except for a sort of a hinge
Of skin,
A flap like a hat,
Dead white.
Then that red plush.

–  Cut

 

I know the bottom, she says. I know it with my great tap root:
It is what you fear.
I do not fear it: I have been there.
Is it the sea you hear in me,
Its dissatisfactions?
Or the voice of nothing, that was your madness?
Love is a shadow.
How you lie and cry after it
Listen: these are its hooves: it has gone off, like a horse.
All night I shall gallop thus, impetuously,
Till your head is a stone, your pillow a little turf,
Echoing, echoing.
– Elm

Gruber geht, Knecht kommt: Zwei halbe Reviews und eine Buchpräsentation

Ja, wortgewald war schon wieder im phil. Wir haben es uns am Dienstag bei Wein und Naschmarktblumen gut gehen lassen und der Knecht gelauscht. Unsere Plätze haben es uns anfangs nicht erlaubt, ihr auch beim Lesen zuzuschauen, denn man konnte nicht reservieren. Ja, an dieser Stelle ein böser Seitenblick ans bibliophile Café – vor allem in Anbetracht dessen, dass der leere Tisch neben den abgelegenen zwei Sofasesseln, die wir uns gerade noch organisieren konnten, natürlich reserviert war. Und dann erst im Laufe des Abends langsam befüllt wurde.
Aber gut vorlesen kann sie, die Doris. Später, am Signiertisch, konnten wir dann sogar einen kleinen Blick auf sie erhaschen – immer spannend, wie die Person hinter den Seiten aussieht und spricht.

Nun zum Star des Abends: „Alles über Beziehungen“ ist Doris Knechts neuester Streich. Soweit man dem Klappentext und den vorgelesenen Textstellen entnehmen kann, geht es vor allen Dingen ums einander Betrügen. Hauptperson ist Viktor – fünfzigjähriger Vater von fünf Kindern, jahrelanger Lebensgefährte ([noch?] nicht Ehegatte!) Magdas und männlicher Hauptdarsteller zahlreicher kleiner und großer Affären.
Die Knecht lässt ihn seine Geschichte erzählen, und – ganz nebenbei – lässt sie auch einige andere ihren Senf dazu geben. Viktor ist zugleich schmierig und seltsam sympathisch: Er kauft sich eine umweltsündige Nespresso-Kapselkaffeemaschine, weil er morgens „ohne Kaffee nicht einmal Kaffee machen kann“ und lässt sich, wenn er das Gefühl hat, zu ungesund zu leben, von es-gut-meinenden Verwandten Gerichte mit „Knödelschwerpunkt“ auftischen.

Doris Knecht ist eine  österreichische Autorin und Kolumnistin im Falter und im Kurier.(Fun Fact: Die Kurier-Kolumne hieß jahrelang „Jetzt erst Knecht“ – ein wortgewaldiger Wortwitz!) Sie hat einen durchaus herrlichen Musikgeschmack und erzählt lange Geschichten (= ihre Romane) ähnlich, wie sie auch Alltagssituationen (= in ihren Kolumnen) beschreibt: Mit Charme und einer guten, gerade richtigen Prise Sarkasmus. Gerne auch mit dem berühmt-berüchtigten Wiener Schmäh, den die gebürtige Vorarlbergerin nach mindestens tausend Jahren Wien und einigen Jahren Flex schon sehr drauf hat. Heast, oida.

Ich lese gerade ihren ersten Roman, den 2011 erschienenen „Gruber geht“. Gruber und Viktor scheinen persönlichkeitstechnisch ähnlich veranlagt und wären im echten Leben sicher Brüder oder Todfeinde oder beides. Ich bin knapp bei der Hälfte und jetzt schon ein Fan, wie man diesem Post unschwer entnehmen kann – vielleicht also in Kürze eine ausführliche Review!

 

Alles Liebe,

eure wortgewald

Anbei bemerkt: Sehet und staunet über unser neues Wallpaper! „Selbst entworfen“, sogar. 

Booktober: Mary Shelley

Die schönste Zeit des Jahres für Bucherliebhaber ist angebrochen: Der Herbst! Das Wetter ist endlich kuschelig genug, um drinnen zu bleiben und zu lesen, ohne wegen dem Badewetter ein schlechtes Gewissen zu haben. Es ist die Zeit, in der wir uns in kuschelige Pullis und den Kamin an-werfen können! Deshalb gibt es ab jetzt jede Woche einen neuen Post rund ums Thema Boo-ktober! Diese Woche: Mary Shelley, die Erfinderin des Sci-Fi.

Eine der Auflagen von Frankenstein.
Eine der Auflagen von Frankenstein

Wem der Name erstmal nichts sagt, der sei unbesorgt, denn ihr berühmtestes Buch kennt jeder: Frankenstein! oder auch: „Der moderne Prometheus“. Nämlich wie Prometheus in der griechischen Mythologie maßt sich nämlich Dr. Frankenstein an, dem großen Schöpfer eins auswischen zu können und bastelt sich seinen eigenen Menschen. Für damalige Verhältnisse, also 1818, galt die Idee zwar als ketzerisch, das Buch war aber trotzdem ein Bestseller (für Mittelalter-Verhältnisse). Unter anderem aus Angst um ihr eigenes Wohl entschied sich Shelley, das Buch vorerst anonym zu veröffentlichen.

Wie viele kreative Genies verlief Shelley’s Leben nicht gerade bilderbuchhaft. Ihre Eltern waren Philosophen, der Vater Atheist, die Mutter Feministin. Ihre Mutter, Mary Wollstonecraft, ist am besten bekannt für ihre „Vindication of the Rights of Woman“, in der sie behauptet, Frauen wirken nur deswegen Männern unterlegen, weil sie selten bis nie so gut gebildet sind. Sie starb kurz nach Mary Shelley’s Geburt. Mit 16 brannte Mary mit ihrem späteren Ehemann, Percy Shelley, durch und entkam damit der fehlenden Aufmerksamkeit ihrer Stiefmutter.

“Invention, it must be humbly admitted, does not consist in creating out of void but out of chaos.” – Mary Shelley

Mary Shelley gilt zwar offiziell als eine der prägendsten Kräfte des frühen Sci-Fi Genres, keinen Streit darum gibt es aber auch nicht. Von manchen wird Johannes Kepler’s Somnium, erschienen 1608, als erste Sci-Fi Novelle erachtet. Sie handelt von einem Traum, den Kepler hat, in dem ihm ein Dämon erscheint, der über Reisen zum Mond berichtet. Das ganze klingt zwar sehr nach Sci-Fi, enthält aber nicht wie Shelley’s Frankenstein eine wirkliche Darstellung des beabsichtigten Erschaffens von etwas nicht-weltlichem durch Menschenhand, nämlich keinen Raumschiff oder, von mir aus, einem Gravitations-Strahl, der die Menschen zum Mond befördert. Sie werden einfach vom Dämon raufgeschoben. Abgesehen davon wird Mary Shelley deswegen als Erfinderin des populären Sci-Fi Genres gesehen, weil sie ihr Buch auf Englisch verfasste, und nicht auf Latein, wie Kepler. Damit machte sie das Buch viel mehr Menschen zugänglich. Außerdem hat bestimmt jeder im westlichen Kulturkreis von Frankenstein zumindest einmal gehört. Somnium? Nicht wirklich.

Sci-Fi ist zwar nicht wirklich Horror, in den Boo-ktober passt Frankenstein aber trotzdem ganz gut, finden wir. Mary Shelley war nicht nur BFFs mit Lord Byron, einem der Greaten Britischen Dichter (die allesamt einen Emo-Charakter hatten, man denke an Edgar Allan Poe), sondern schrieb schon mit 21 Jahren einen Bestseller, der das gesamte Heileweltbild vom christlichen Großbritannien in Frage stellte. Und wurde dafür nicht am Scheiterhaufen verbrannt. Ein feministischer Erfolg, der bis ins Heute nachhallt.

 

Foto: Chris Drumm