Sturm und Klang Lesung 2017

Letzten Samstag trafen sich Künstler aus allen lokalen Rängen im schönen niederösterreichischen Mödling, um dort beim Sturm und Klang Festival die Zuschauer mit ihren Künsten zu erfreuen. Im Figurentheater Möp las ein Autoren-Medley aus FM4-Wortlaut Wettbewerb Gewinnern und Mitgliedern der Schreibakademie Mödling abwechselnd ihre Texte vor. Und freu: Die Hälfte des Wortgewald-Teams durfte auch lesen! Wir danken für die Einladung, die Bühne, und überhaupt. Die andere Hälfte hat Fotos gemacht (und ein Plakat gebastelt), was sowieso viel wichtiger ist.

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Burial Rites – Eine düstere Saga

burialrites4 So beginnt die Geschichte von Agnes Mágnusdóttir, einer Magd mittleren Alters, die im Island des 19. Jahrhunderts zum Tode verurteilt wird. Wieso, erfährt man ebenfalls gleich: Sie und zwei andere sollen einen Heiler und dessen Freund ermordet und dann angezündet haben, um die Spuren zu verwischen. Die Strafe dafür: Enthauptung. Doch weil die Axt dafür aus Kopenhagen bestellt werden muss, bleibt Agnes noch ein bisschen Zeit. Diese verbringt sie als Gefangene auf einem Hof, den sie seit ihrer Kindheit kennt – und dort erzählt sie einem Priester, was sich in der Mordnacht wirklich zugetragen hat.

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Eine Island-Karte mit für die Geschichte wichtigen Gehöften.

Hannah Kent, die als Austauschstudentin zum ersten mal nach Island kam und das Land so lieben lernte, erzählt die Geschichte jener Frau, die 1830 als letzte Person auf Island hingerichtet wurde. Obgleich es sich um ein fiktionales Werk handelt, hat Kent lange und mithilfe vieler isländischer Geschichtsprofessoren und Archivaren recherchiert, um so jene tragischen Ereignisse nachzustellen, die sich rund um Agnes Mágnusdóttir ereignet haben. Die lange Recherche hinterm Buch ist auf angenehme Weise beim Lesen spürbar – jene Zeit in Island wird irgendwie greifbar, ohne aufdringlich zu werden.

Ich bin sonst kein Fan von historischen Romanen, da mich die Geschichten rundherum zumeist nicht brennend interessieren, und – pardon my french – solche Bücher sehr oft sehr schlecht recherchiert und/oder geschrieben sind. Auf Englisch gelesen, war dieses Buch eine sehr willkommene Ausnahme.

Burial Rites ist mir durch meinen Schwager zufällig in die Hände gefallen – meines Wissens bekam er das Buch auf einem Geschäftsflug nach Island in die Hand, quasi als Einstimmung auf das Land. Agnes düstere Erzählungen, die im Buch beschriebenen rauen Landschaften und das unberechenbare Wetter zeichnen ein dunkles Bild dieses Landes – gleichzeitig macht das Buch große Lust, selbst einmal nach Island zu reisen, um alldies am eigenen Leib zu erfahren.

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Wie man einen Psychopathen erkennt

Spoiler: Es gibt eine Check-Liste. Das und vieles mehr steht im Buch „The psychopath test“ von Jon Ronson. Wahrscheinlich kotzt es euch schon an, das ständig zu lesen, aber ich bin wiedermal im Begriff, ein Fangirl zu werden: Ronson ist Journalist, und hat in seiner Karriere unter anderem schon über Männer, die auf Ziegen starren und Frank Sidebottom geschrieben. Obgleich ich die Filme gesehen, aber die Bücher nicht gelesen habe (kreuzigt sie! Mea culpa – Ich plane, das baldigst nachzuholen.) bin ich mir ziemlich sicher, dass sie genauso toll sein werden wie „The psychopath test“.

In diesem non-fiktionalen Buch (Der deutsche Begriff „Sachbuch“ trifft es hier finde ich nicht so ganz gut) geht es um Ronson selbst, und seine Reise durch die „madness industry“, wie er sie nennt. Er trifft unter anderem Bob Hare, den Entwickler der Psychopathen-Checkliste, diverse Scientology-Mitglieder, zu denen er gebührenden Abstand hält, einige Geschäftsmänner, einige Straftäter (die letzteren beiden überlappen da manchmal), Psychotherapeuten und ihre Patienten, und vor allem: Psychopathen in ihren unterschiedlichsten Formen und Farben.

 

Jon Ronson erzählt so, als ob man während seiner Reise neben ihm im Auto sitzen würde, und er stellt angenehm oft die richtigen Fragen: Unprätentiös, und ob der Themen trotzdem wahnsinnig interessant. Zu sagen bleibt natürlich, dass Ronson in erster Linie kein Sprachkünstler ist, sondern Journalist. Trotzdem liest man hier keinen Zeitungsbericht in Romanlänge, sondern einen Roman mit ihm persönlich in der Hauptrolle. Die Sprache muss allerdings vor der Fülle an Information zurückstecken – blumige Formulierungen wären auch Fehl am Platz.
Das Coolste: Es ist nicht fiktiv. Das Zeug gibt es echt. Der Typ ist wirklich so cool, und hat über all das ein Buch geschrieben. Gehet, und lest alle daraus. Oder vielleicht eins seiner anderen Bücher. Oder seht euch seinen Ted Talk zum Buch an!

 

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P.S.: Entschuldigt den Augenkrebs, ich habe das Beste aus der Selfie-Kamera meines sterbenden Handys herausgeholt. Baldigst bessere Fotos, versprochen.

The Poetry of Nayyirah Waheed – Oder: Was ist Dichtung im 21. Jahrhundert?

Ich darf unterstellen: Kaum jemand aus meinem engeren Bekanntenkreis (gebildete, mehr oder weniger lesende Menschen) kennt zeitgenössische Dichter beim Namen. Vielleicht fällt ein paar von ihnen ein Gedicht ein, dass sie in der Schule interpretieren mussten, aber das war’s dann auch schon wieder.

Dichtung hat heute nicht mehr denselben Stellenwert wie vor ein paar hundert Jahren, als außerhalb des Deutschunterrichts Dichter auch als echte Künstler galten, und damit zu kennen waren. Wird generell heute weniger gelesen? In Zeiten in denen die Alltags-Poetik maximal 140 Zeichen haben darf und Videos und Bilder viel höhere Klickzahlen verzeichnen als geschriebenes, vielleicht. Gelesen werden Bücher aber trotzdem noch (sogar jemand mir sehr nahe stehendes, der nie freiwillig in ein Buch geblickt hat, liest jetzt die Mangas zu seinem Lieblings-Anime. Immerhin.). Aber Gedichte lesen trotzdem die wenigsten. Weil: schwer zu verstehen, langwierig, fad. Aber! Es gibt sie auch, die auf Social Media bekannten DichterInnen, deren Texte man zumindest mal irgendwo auf Pinterest oder Instagram gesehen hat. Auch wenn man darüber streiten kann, ob Stefanie Sargnagels Ergüsse als Gedichte zu behandeln sind, trifft sie mit kurzen Worten (aber auch längeren Texten) den Zeitgeist, und was muss Poesie mehr?

Nayyirah Waheed ist auch durch Social Media erst richtig bekannt geworden. Sie selbst tritt allerdings kaum auf, es ist praktisch unmöglich, überhaupt ein Foto von ihr zu finden. Stattdessen lässt sie ihre Texte für sich sprechen. Ihr erstes Buch Salt. hat sie selbst herausgebracht, über Instagram und Twitter verbreiteten sich ihre Texte. Sie schaft es mit nur sehr wenigen Zeilen, die mit keiner klassischen Gedichtform zu vergleichen sind, den Gefühls-Damm im Leser zu sprengen. Ihre Worte begleiten einen noch lange.

Das Erscheinen von Poesie wie ihrer, die zeitgeistige Themen wie Feminismus und Xenophobie aufgreift, in einer Form, die online sehr gut funktioniert, könnte ein Vorgeschmack auf die Zukunft der Dichtung sein. Und die zukünftigen DichterInnen.

 

Alte Bücher: NICHT WEGSCHMEISSEN!

Jeder hat sie, jeder kennt sie: Regale, die Länge mal Breite mal Höhe mit Büchern, die nicht gebraucht werden, vollgestopft sind. Das sind Bücher, die wir billig gekauft aber dann doch für langweilig befunden, geschenkt bekommen und nicht gemocht, gefunden und nicht wertgeschätzt, oder auch gelesen und vergessen haben. Aber bevor ihr diese Schätzchen ungeduldig, angesichts des überwältigenden Wortschatzes, einfach zum Altpapier gebt: Bitte nicht! Lieber das:

  1. Der Klassiker: Verkauft sie am Flohmarkt (oder gleich auf der Bücherbörse).Ist zwar profitbringend, leider aber zeitaufwendig. Leichter ist es, Bücher online zu verkaufen, zum Beispiel über ebay, willhaben.at oder auch shpock.
  2. Lass dein Buch irgendwo liegen und beobachte über über BookCrossing, wo es überall herumkommt!
  3. Tausche deine Bücher, mit Freunden, auf einer Tausch-Party, mit Familienmitgliedern oder auch Nachbarn.
  4. Stell eine Box mit deinen alten Büchern irgendwo auf: Bei der Bushaltestelle, beim Müllplatz (Box kennzeichnen!) oder im Stiegenhaus.
  5. Tausche mit oder spende sie einem offenen Bücherschrank! Davon gibt es acht in Wien (davon fünf von anderen Initiatoren), sechs in Graz, drei in St. Pölten, einen in Linz und Eisenstadt, und viele mehr in kleineren Gemeinden. Eine Liste mit Adressen findest du hier!
  6. Bücherspenden werden von den meisten Organisationen immer gern entgegen genommen. Zum Beispiel beim Sozialen Buchladen, bei der Caritas oder beim Wiener Bücherschmaus. Nicht mehr gebrauchte Bücher für das Studium kann man in der Bücherbörse der ÖH in Wien verkaufen lassen.
  7. Wenn du alte Bücher hast, kannst du beim nächsten Antiquariat anfragen, ob Interesse daran besteht.
  8. Zu guter Letzt: Verschenke deine Bücher! Natürlich solltest du keine Bücher, die du fad findest, an gute Freunde verschenken. Aber wenn dich ein Buch sehr berührt hat, kann es sein, dass es das Leben von jemand anderem genauso verändert. Share the (book-)love!

Kolumnen

Sie sind meist nicht das Herzstück eines Printprodukts. Irgendwo ganz hinten, am äußeren Ende gibt es sie dennoch: Die Kolumnen. Die Autorin dieser Zeilen ist genau davon ein Fan: Mehr kreatives Schreiben in alle Zeitungen!

Hier eine Auswahl meiner Lieblingskolumnisten:

Polly Adler

Mit ihr wurde ich lange nicht warm. Die österreichische Journalistin Angelika Hager (unter anderem die Leitung des Gesellschaftsressorts des Nachrichtenmagazins Profil) schreibt hier unter Pseudonym. Was? Ach, über Beziehungen, meistens. Nämlich über die ihrer Freunde und Bekannten, und über die eigenen. Diese Art von Voyeurismus gefiel mir lange Zeit gar nicht, ich fand dieses Aufgeilen an anderer Leute Gspusis und vor allem auch an deren Verlusten (um die es viel geht) ein bisschen pervers und schlichtweg fad. Vor kurzem habe ich ihre Kolumnensammlung geschenkt bekommen. Seitdem lese ich sie auch wieder in der Freizeit (der Samstagsbeilage der Tageszeitung Kurier). Ich mag sie jetzt ganz gern. Es ist, als ob einem eine Freundin den neuesten Klatsch erzählen würde. Nur mit mehr Witz und Popkultur-Referenzen.

Guido Tartarotti 

Hier ist es genau umgekehrt: Früher fand ich den guten Herrn Tartarotti oft komisch genug, um richtig lachen zu können. Heute schmunzle ich noch ab und zu. Dabei ist er so etwas wie ein Vorbild für mich: Woimmer ein Konzert stattfindet, auf dass ich mich auch freue, da ist er. Und schreibt dann darüber. Und ich nicke wohlwollend während des Lesens. Interview mit Bob Dylan? Auch er. Einzig diese Affinität zu Bruce Springsteen stößt mich etwas ab.
Tartarotti schreibt über das Leben: Musik, Alltagsgeschichten, the like. Dass ich das in letzter Zeit weniger unterhaltsam fand als sonst, könnte daran liegen, dass er jetzt mit Kabarett- Programmen tourt. Vielleicht verschießt er ja dort all sein Pulver?

Doris Knecht

Ich wiederhole mich? Ja, ich weiß. Entschuldigt. Ich mag Doris Knecht sehr gerne. Sehr. Ich wünschte, ich würde sie kennenlernen und ihre Freundin werden (Was trotz des Altersunterschieds dank des ähnlichen Musikgeschmacks sicher super funktionieren würde). So gerne mag ich sie. Und trotzdem lese ich gar nicht alles, was sie so schreibt.
Ihre Kolumne im Falter ist super, und als die im Kurier noch „Jetzt erst Knecht“ hieß, war ich auch begeistert. Jetzt schreibt sie dort titellos vier Tage in der Woche, und oft fällt ihr nicht viel neues ein. Obwohl, Gertraud Klemm hat erzählt, dass die Knecht an dieser Stelle einmal auch über sie geschrieben hat. – Also doch nicht schlecht. Die Kolumnensammlung „Hurra.“ aus jüngeren Knecht-Jahren ist sehr zu empfehlen. Übrigens.

Michael Buchinger

Ja, dieser ein wenig seltsame österreichische YouTuber schreibt auch, wie bereits erwähnt. Beziehungsweise könnte man darauf hinweisen, dass da zuerst das Schreiben war, und dann das YouTuben. Schreiben lernt man halt auch früher. Also zumindest noch.
Na, jedenfalls: In dieser Teeny-Zeitschrift namens Miss, in der es um Mode und Männer, „Stars“, Schminken, Essen und Gewichtsabnahme geht, gibt es auf der letzten Seite eine Buchinger-Kolumne. Und die ist sehr nett. Wie ein Video zum Lesen, quasi. Die etwas andere Art von „Buch zum Film“.

Christian Seiler

Zum Schluss wird es ein bisschen traurig. Ich mag Christian Seilers Schreibstil. Noch lieber mochte ich seinen Hund, Barolo. Die Kolumne „Hund und Herrl“ handelte davon, wie die beiden durch die Stadt ziehen. Oder am Land spazieren gehen. Oder einmal getrennt von einander etwas unternehmen, und dann entscheiden, dass es zusammen doch netter ist. Leider ist Barolo gestorben, und mit ihm diese herrliche Kolumne. Eine Zeit lang war Christian Seiler stumm, und schrieb lieber über andere als über sich selbst. Seit ein paar Monaten ist er unter dem Titel „Gehen“ wiederauferstanden. Er erzählt von Spaziergängen und seinen Observationen dabei. Mit Hund war das schon schöner.

 

Wie man sieht: Lieblingskolumnisten müssen nicht ständig geliebt werden. Das heißt nicht, dass sie ihren Titel nicht verdienen. Welche Kolumnen lest ihr gern? Irgendwelche Empfehlungen?

Bewerbt euch!

Wir haben euch schon oft genug erzählt, wie man gut schreibt. Irgendwann kommt für alle Autoren die Zeit, ihre Texte zu veröffentlichen. Denn geschriebenes muss auch gelesen werden!

Dabei können Schreibwettbewerbe der Tritt in den Hintern sein, den man braucht, um seinen Text fertig und im Idealfall auch gut fertig zu schreiben. Sie können Anstoß sein, mehr zu redigieren, doch weiterzuschreiben anstelle zu netflixen und sich endlich, endlich einen Titel zu überlegen. Damit euch das ein wenig leichter fällt, haben wir hier einige der interessantesten Schreibwettbewerbe im deutschsprachigen Raum aufgelistet:

Noch viiiiiele andere Preise, Stipendien und Wettbewerbe findet ihr hier und hier!

J.K. Rowling bestätigt: Harry Potter geht weiter!

Na, Spaß. Aber wäre das nicht schön?

Schön wäre auch, wenn wir ein bisschen mehr Zeit zum Lesen von wirklichen Büchern hätten. Stattdessen lesen wir Gesetzestexte und Politik-Analyse. Und freuen uns auf Hängemattensommertage und Durchlesenächte. Bis dahin lesen wir immer wieder die folgende Liste, denn jeder einzelne Satz lässt das Bücherherz höher schlagen.

  • Ich hab noch einen Text, den ich dir zeigen wollte.
  • Ich kann dir das Buch borgen, wenn du magst.
  • Mr. and Mrs. Dursley of number four, Privet Drive, were proud to say that they were perfectly normal, thank you very much.
  • 1. Kapitel
  • Ihre Bestellung wurde versandt.
  • T.C. Boyle will mit dir über seine Vorstellung einer dystopischen Zukunft sprechen.
  • Ihre entliehenen Bücher wurden verlängert.
  • Du wolltest eh einen Gutschein zu Weihnachten?
  • Entschuldige, ich hab nicht gesehen, dass du gerade liest.
  • Poetry, beauty, romance, love, these are what we stay alive for.
  • Der Autor hat eine Fortsetzung der Serie bereits bestätigt.
  • Ah, schau, ein Buchgutschein! Magst du den haben?
  • Ich hab grad ein tolles Buch gelesen – willst du es vielleicht auch lesen?
  • All was well.

Zwischen alten Hippie-Zausln und feministischen Kinderbüchern

Jenseits des Brunnenmarktes tut sich was. Obwohl der Mutter-Tags-Schleier der Stille liegt, wird hinter der Brunnenpassage laut geschrien, beziehungsweise vorgelesen. Dieter Braed liest aus seinem Buch, das noch gar keines ist, über das Leben Jakob Haringers. An einem mit alten Teppichen verkleideten Pult erzählt er seinem Publikum über das Leben seines Heldens. Das Publikum, das aus etwa 15 Köpfen besteht, hört gebannt zu, kommentiert und lacht an den richtigen Stellen. Damit unterscheidet es sich schon einmal stark von den Zuhörern bei anderen Lesungen, zum Beispiel bei den Rauriser Literaturtagen wo gebannte Stille der Konsens ist.

Mitglieder der Wiener Friedensbewegung bei einer Lesung

Auch sonst findet man ganz andere Menschen bei den Kritischen Literaturtag („KriLit“) in Wien. Die ausstellenden Verlage vertreten vor allem politisch linke Literatur. Von Anarchismus bis Gender Studies über Kinderbücher zum Thema Flucht ist alles dabei. Ulli Fuchs ist die Organisatorin der Veranstaltung. Sie gehört zu den, wie sie es nennt, „oiden Hippie-Zausln“ der Wiener Friedensbewegung, die auch bei den KriLit ausstellen. Außerdem gibt es am Markt_Platz der Caritas noch auf LGBTQ+-Themen spezialisierte Buchläden und Kinderbücher über schwule Pinguine. Außerdem Stefanie Sargnagels Bücher. Damit stellt die KriLit einen bewusst krassen Gegensatz zur Mainstream-Literatur da, die man zum Beispiel auf der BUCH Wien findet (bis auf Stefanie Sargnagel).

Ein anderer, der einen Unterschied machen will, ist Wolf Peterson. Der Verleger aus Wien Hietzing  veranstaltet Lesetage für Kinder. Die Bücher werden ihm von Verlagen zur Verfügung gestellt, Förderung vom Bezirk bekommt er dafür keine. Obwohl er, in dem er Kinder zum Lesen und zur Diskussion anregt, ein kleines bisschen Bildungsauftrag erfüllt. Bei den KriLit stellte er eine Leseecke bereit, mit Kissen, Decken und einem ganzen Tisch voller Kinderbücher.

Ulli Fuchs veranstaltet die Kritischen Literaturtage schon zum 8. Mal. Sie freut sich, dass es so viel Enthusiasten für alternative, Literatur gibt. „Es braucht halt jemanden, der das so heraustragt.“ Dieter Braeg, der auch bei den KriLit ausstellt, ist so jemand. Er hat die Kritischen Literaturtage nach Salzburg gebracht. Dort stellen vor allem deutsche Verlage aus.

Wer neugierig geworden ist, hier geht es zu den Ausstellern der KriLit von diesem Jahr. Die KriLit in Salzburg finden Ende November statt.

Koma, Gotland und Medusa – Körper.Sprache in Rauris

Wortgewald hat sich aus dem Kulturhafen Wien gewagt und sich aufgemacht ins Rauriser Tal. Dort fanden zum mittlerweile 47. Mal die Rauriser Literaturtage statt. Jedes Jahr kommen in diesem 3.050 Seelen Dorf Literaten, Lyriker und Autoren zusammen, um ihre Texte rund um ein bestimmtes Thema vor Publikum zu lesen. Dieses Jahr ging es um das Thema Körper.Sprache.

Den Rauriser Literaturpreis gewann dieses Jahr Senthuran Varatharajah für den Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“, der rein aus einer Konversation zwischen ihm und einem eigentlich Fremden im Facebook-Chat besteht. Den Förderungspreis gewann Mercedes Spannagel für ihre Kurzgeschichte „Wie es klingt, wenn es quietscht“. Der Preisverleihung konnten wir leider nicht beiwohnen, dafür aber Senthuran bei der ersten Lesung auf der Heimalm sehen, wie er ironischer Weise die ganze Zeit auf Facebook war.

Rauris, zusammengefasst in einem Bild.

Diese erste Lesung fand Donnerstag Abend in luftigen 1480m Höhe statt, was für Gäste nur per Gondel zu erreichen ist. Die Autorinnen des Abends waren Lydia Mischkulnig („Die Paradiesmaschine), Dana Ranga („Hauthaus“) und Gertraud Klemm („Muttergehäuse“). Lydia Mischkulnig lieferte einen lyrisch anmutenden Erzählband, der uns trotz der Sprache dem Thema der Geschichte, die wir hörten, wegen leider nicht so ganz gefiel. Dana Ranga konnte leider aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen, deswegen gab es eine leider sehr monotone Lesung einiger Texte aus ihrem Gedichtband „Hauthaus“. Gertraud Klemm las aus ihrem letztlich 2016 erschienenen Buch „Muttergehäuse“, einer umgeschriebenen Version eine ihrer ersten Veröffentlichungen „Mutter auf Papier“, mit der sie nie richtig glücklich war. In „Muttergehäuse“ schreibt sie über ihre Probleme, Kinder zu bekommen und rechnet dabei mit vielem ab, was ihr in dieser Zeit passiert ist (mehr dazu hier auf Wortgewald im Laufe der Woche).

Am nächsten Tag ging es weiter mit Autorengesprächen im Gasthaus Platzwirt, wo die Studenten aus dem Umland ihre Fragen stellen durften. Löchern lassen mussten sich Lydia Mischkulnig, Gertraud Klemm und Franzobel („Das Floß der Medusa“). Lydia Mischkulnig wirkte beim eher-nicht-beantworten der wahnsinnig akademischen Fragen der Studenten herrlich sympathisch („Aha? Wusste ich gar nicht, dass ich das gemacht habe.“). Gertraud Klemm kam mal wieder nicht aus ihrer Feminismus-Schublade raus und Franzobel gab Einblicke in die jahrelange Recherche, die „Das Floß der Medusa“ brauchte. Dabei hat er gefastet, sich vorgestellt, wie es ist, Menschenfleisch zu essen und einige Zeit im hüfthohen Wasser des Schwimmbads verbracht, um zu wissen, wie es seinen Schiffbrüchigen vielleicht ergangen ist.

Nachmittags waren wir auf einer der drei gleichzeitig stattfindenden „Störlesungen“, die nicht öffentlich zugänglich sind. Dabei sitzt eine Schreibende in der Kuchl einer der Gastgeber und liest für ein Publikum von ca. 15-20 Leuten. Wir hatten alternative Fakten betreffend dem Störlesungsort zur Information und saßen deswegen bei Silke Scheuermann anstelle von Gertraud Klemm, was aber auch gut war. Sie las aus ihrem 2016 erschienen Buch „Wovon wir lebten“, das die meisten der Anwesenden schon zuvor gelesen und besprochen hatten. Das tolle an Lesungen in so kleiner Runde ist, dass man nachfragen, unterbrechen und vielleicht auch bitten kann, noch einmal zu lesen (und die Jause, die danach von den Gastgebern gereicht wird). Leider wurde uns (den einzigen uninformierten anscheinend) durch die Intimität der folgenden Buchbesprechung das Ende, die Mitte und der Rest des Buchs gespoilert. Auch gut, wir fanden es eh nicht so spannend.

Rauris, dämmernd.

Abends begaben wir uns wieder in den Gasthof, der angesichts des Line-Ups proppenvoll war. Alissa Walser las erst aus ihren lyrischen Erzählungen „Eindeutiger Versuch einer Verführung“, die auf ihre Art witzig und immer gut geschrieben waren. Danach las Michael Stavarič aus dem hoch gelobten „Gotland“, in dem es um Religion, Inzest und Schweden geht – Was will man mehr? Ach ja, er schreibt außerdem in starken Bildern und mit Humor. Den Abschluss des Abends machte Silke Scheuermann, indem sie die brutaleren Szenen ihres Romans vor größerem Publikum eröffnete.

Der vorletzte Morgen begann für uns mit Kaffee und Lyrik. Anja Golob ließ ihre slowenisch getränkten Gedichte über unsere Gänsehaut rollen. Anscheinend ging es nicht nur uns so, denn ihre handgefertigten Gedicht-Heftchen waren nach der Lesung restlos ausverkauft. Danach las Elke Laznia, und zum Schluss der Schweizer Raphael Urweider „nicht so lang, weil es ist bald 12, und da ist ja Mittag“. Er ist eigentlich Musiker und schreibt eine angenehm bodenständige Lyrik mit viel Humor.

Nach einer kurzen eigenen Schreib-Session von uns lasen dann die Main Acts, sozusagen. Marica Bodrožić schrieb den Monolog eines Komapatienten, wobei gar nicht auffiel, dass sie nicht wirklich zu dem Thema recherchiert hatte, so authentisch und einfühlsam klangen ihre Texte. Danach hörten wir ein paar Szenen aus Katharina Winklers viel gelobtem Roman „Blauschmuck“. Im Gespräch danach wurde klar, warum wir trotz guter Sprache, gutem Thema, guter Intention und gutem Lektorat nicht so ganz überzeugt von dem Buch waren: Es war alles ein bisschen zu glatt, ein bisschen zu schauspielerisch vorgetragen, und vielleicht auch ein bisschen zu viel Realität, die man gar nicht so arg spüren will. Den Schluss machte Franzobel mit mit Absicht sehr unbrutal ausgewählten Szenen aus „Das Floß der Medusa“. Er sagte, als er bei anderen Lesungen die brutalsten Szenen las, kauften die Leute nachher nur seine Krimis. Die historische Materie des Buchs war zwar furchtbar interessant, aber nicht so interessant, als dass wir über die unsympathische Selbstinszenierung des Autors (seine mitgebrachte (!) Bierdose, sexistische Witze und ein Mangel an realitätsnahen Frauenfiguren im Buch) hinwegblicken und das Buch hätten kaufen können. Schade, eigentlich.

Sonntags lauschten wir nach dem Frühstück noch den Texten der Raurisern selbst, die in einer Schreibwerkstatt zusammen mit Gertraud Klemm entstanden waren. Und um ehrlich zu sein, manche davon gefielen uns besser als die von manchen Autoren, die wir in den Tagen zuvor gehört hatten.

Eine Kollegin, die uns begleitete, wurde in Rauris von ihrer Oma angerufen und gefragt, was sie dort lernen würde (was man sich vielleicht generell öfter selbst fragen sollte). Wir haben auf jeden Fall gelernt, dass viele Bücher sich nicht wirklich zum Vorlesen eignen, dass Zuhören anstrengender sein kann als Selberschreiben und auch, dass manche Autoren wahnsinnig nett sind, wenn man sie abseits der Bühne anquatscht.