Der Herr der Zwangsliteratur

Von einem starken Uninteresse an der kurz vor Weihnachten erschienenen Belletristik gepackt wünschte ich mir letzten Dezember eine Reihe an Klassikern zu Weihnachten. Unter anderem Catch-22, One Flew Over the Cuckoo’s Nest, und Lord of the Flies.

Catch-22 liebte ich wegen der Handlung, auch wenn mir die Sprache teilweise unergründlich schien. One Flew Over the Cuckoo’s Nest legte ich nach 40 Seiten vorläufig beiseite, weil ich wegen der Sprache immer wieder abdriftete. Dabei finde ich die Thematik total spannend, schade. Lord of the Flies gewann ich erst nach einer Zeit lieb, vielleicht lag das auch daran, dass ich die „Fremdsprachen“-Version habe, die am Ende jeder Seite die ungewöhnlichsten Vokabel übersetzt.

Der Herr der Fliegen war sprachlich weit entfernt vom IKS-Haken und Einer flog über das Kuckucksnest. Ansonsten haben die drei auch nichts miteinander gemeinsam, ausgenommen der Kriegsthematik der ersten zwei. Trotzdem zählen sie alle zu den sogenannten „Klassikern“, den „Was-die-du-hast-nicht-gelesen?!-Büchern“, den „Die-musste-ich-in-der-Schule-lesen-Büchern“ oder, wie ich es nenne, der „Zwangsliteratur“. Denn sie zu lesen oder zumindest zu kennen wird von unbenannten Standards vorausgesetzt. Wer sie allerdings in der Schule lesen muss, hat das Pech, sie vermutlich zu hassen, weil derjenige eine 600 Wörter Interpretation über sie schreiben musste. Wer sie erst nach der Schule liest, hat das Pech, dass sie alle anderen schon in der Schule gelesen haben und deswegen niemand mit einem darüber reden will. Außerdem muss man ja so viele Klassiker nachholen, dass am Ende keine Zeit bleibt, die aktuell diskutierten Bücher zu lesen. Man kommt irgendwie nicht nach, wenn man pro Monat vier Bücher liest und pro Woche sieben neue Bücher herauskommen, die man auch lesen will. Mehr Lesezeit braucht das Land.

Auch wenn ich mich durch Catch-22’s Englisch durchquälen musste, musste ich auch oft laut lachen und meinen Freunden die besten Stellen erklären, damit sie mit mir lachen konnten. Auch wenn Lord of the Flies nach dem Lesen der Interpretation im Nachwort wahnsinnig inszeniert und viel zu durchdacht wirkte, um für mich als Kunst und nicht als ein falsch angedachtes Beispiel durchzugehen, hat mir vieles darin die Welt ein bisschen erklärt. Auch wenn ich One Flew Over the Cuckoo’s Nest beiseite gelegt habe, werde ich mich auch durch dieses durchquälen, allein schon aus Mitleid. Und es wird mir dann vermutlich eh gefallen.

Trotzdem finde ich, man muss Klassiker nicht unbedingt lesen, wenn sie einen nicht interessieren. Und schon gar nicht, wenn es überhaupt keinen Spaß macht, denn das sollte es. Aber wenn man sich dieser Zwangsliteratur verschreibt, kann man einiges lernen. Nur halt über vergangene Zeiten, was manchmal fad ist.

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