Koma, Gotland und Medusa – Körper.Sprache in Rauris

Wortgewald hat sich aus dem Kulturhafen Wien gewagt und sich aufgemacht ins Rauriser Tal. Dort fanden zum mittlerweile 47. Mal die Rauriser Literaturtage statt. Jedes Jahr kommen in diesem 3.050 Seelen Dorf Literaten, Lyriker und Autoren zusammen, um ihre Texte rund um ein bestimmtes Thema vor Publikum zu lesen. Dieses Jahr ging es um das Thema Körper.Sprache.

Den Rauriser Literaturpreis gewann dieses Jahr Senthuran Varatharajah für den Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“, der rein aus einer Konversation zwischen ihm und einem eigentlich Fremden im Facebook-Chat besteht. Den Förderungspreis gewann Mercedes Spannagel für ihre Kurzgeschichte „Wie es klingt, wenn es quietscht“. Der Preisverleihung konnten wir leider nicht beiwohnen, dafür aber Senthuran bei der ersten Lesung auf der Heimalm sehen, wie er ironischer Weise die ganze Zeit auf Facebook war.

Rauris, zusammengefasst in einem Bild.

Diese erste Lesung fand Donnerstag Abend in luftigen 1480m Höhe statt, was für Gäste nur per Gondel zu erreichen ist. Die Autorinnen des Abends waren Lydia Mischkulnig („Die Paradiesmaschine), Dana Ranga („Hauthaus“) und Gertraud Klemm („Muttergehäuse“). Lydia Mischkulnig lieferte einen lyrisch anmutenden Erzählband, der uns trotz der Sprache dem Thema der Geschichte, die wir hörten, wegen leider nicht so ganz gefiel. Dana Ranga konnte leider aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen, deswegen gab es eine leider sehr monotone Lesung einiger Texte aus ihrem Gedichtband „Hauthaus“. Gertraud Klemm las aus ihrem letztlich 2016 erschienenen Buch „Muttergehäuse“, einer umgeschriebenen Version eine ihrer ersten Veröffentlichungen „Mutter auf Papier“, mit der sie nie richtig glücklich war. In „Muttergehäuse“ schreibt sie über ihre Probleme, Kinder zu bekommen und rechnet dabei mit vielem ab, was ihr in dieser Zeit passiert ist (mehr dazu hier auf Wortgewald im Laufe der Woche).

Am nächsten Tag ging es weiter mit Autorengesprächen im Gasthaus Platzwirt, wo die Studenten aus dem Umland ihre Fragen stellen durften. Löchern lassen mussten sich Lydia Mischkulnig, Gertraud Klemm und Franzobel („Das Floß der Medusa“). Lydia Mischkulnig wirkte beim eher-nicht-beantworten der wahnsinnig akademischen Fragen der Studenten herrlich sympathisch („Aha? Wusste ich gar nicht, dass ich das gemacht habe.“). Gertraud Klemm kam mal wieder nicht aus ihrer Feminismus-Schublade raus und Franzobel gab Einblicke in die jahrelange Recherche, die „Das Floß der Medusa“ brauchte. Dabei hat er gefastet, sich vorgestellt, wie es ist, Menschenfleisch zu essen und einige Zeit im hüfthohen Wasser des Schwimmbads verbracht, um zu wissen, wie es seinen Schiffbrüchigen vielleicht ergangen ist.

Nachmittags waren wir auf einer der drei gleichzeitig stattfindenden „Störlesungen“, die nicht öffentlich zugänglich sind. Dabei sitzt eine Schreibende in der Kuchl einer der Gastgeber und liest für ein Publikum von ca. 15-20 Leuten. Wir hatten alternative Fakten betreffend dem Störlesungsort zur Information und saßen deswegen bei Silke Scheuermann anstelle von Gertraud Klemm, was aber auch gut war. Sie las aus ihrem 2016 erschienen Buch „Wovon wir lebten“, das die meisten der Anwesenden schon zuvor gelesen und besprochen hatten. Das tolle an Lesungen in so kleiner Runde ist, dass man nachfragen, unterbrechen und vielleicht auch bitten kann, noch einmal zu lesen (und die Jause, die danach von den Gastgebern gereicht wird). Leider wurde uns (den einzigen uninformierten anscheinend) durch die Intimität der folgenden Buchbesprechung das Ende, die Mitte und der Rest des Buchs gespoilert. Auch gut, wir fanden es eh nicht so spannend.

Rauris, dämmernd.

Abends begaben wir uns wieder in den Gasthof, der angesichts des Line-Ups proppenvoll war. Alissa Walser las erst aus ihren lyrischen Erzählungen „Eindeutiger Versuch einer Verführung“, die auf ihre Art witzig und immer gut geschrieben waren. Danach las Michael Stavarič aus dem hoch gelobten „Gotland“, in dem es um Religion, Inzest und Schweden geht – Was will man mehr? Ach ja, er schreibt außerdem in starken Bildern und mit Humor. Den Abschluss des Abends machte Silke Scheuermann, indem sie die brutaleren Szenen ihres Romans vor größerem Publikum eröffnete.

Der vorletzte Morgen begann für uns mit Kaffee und Lyrik. Anja Golob ließ ihre slowenisch getränkten Gedichte über unsere Gänsehaut rollen. Anscheinend ging es nicht nur uns so, denn ihre handgefertigten Gedicht-Heftchen waren nach der Lesung restlos ausverkauft. Danach las Elke Laznia, und zum Schluss der Schweizer Raphael Urweider „nicht so lang, weil es ist bald 12, und da ist ja Mittag“. Er ist eigentlich Musiker und schreibt eine angenehm bodenständige Lyrik mit viel Humor.

Nach einer kurzen eigenen Schreib-Session von uns lasen dann die Main Acts, sozusagen. Marica Bodrožić schrieb den Monolog eines Komapatienten, wobei gar nicht auffiel, dass sie nicht wirklich zu dem Thema recherchiert hatte, so authentisch und einfühlsam klangen ihre Texte. Danach hörten wir ein paar Szenen aus Katharina Winklers viel gelobtem Roman „Blauschmuck“. Im Gespräch danach wurde klar, warum wir trotz guter Sprache, gutem Thema, guter Intention und gutem Lektorat nicht so ganz überzeugt von dem Buch waren: Es war alles ein bisschen zu glatt, ein bisschen zu schauspielerisch vorgetragen, und vielleicht auch ein bisschen zu viel Realität, die man gar nicht so arg spüren will. Den Schluss machte Franzobel mit mit Absicht sehr unbrutal ausgewählten Szenen aus „Das Floß der Medusa“. Er sagte, als er bei anderen Lesungen die brutalsten Szenen las, kauften die Leute nachher nur seine Krimis. Die historische Materie des Buchs war zwar furchtbar interessant, aber nicht so interessant, als dass wir über die unsympathische Selbstinszenierung des Autors (seine mitgebrachte (!) Bierdose, sexistische Witze und ein Mangel an realitätsnahen Frauenfiguren im Buch) hinwegblicken und das Buch hätten kaufen können. Schade, eigentlich.

Sonntags lauschten wir nach dem Frühstück noch den Texten der Raurisern selbst, die in einer Schreibwerkstatt zusammen mit Gertraud Klemm entstanden waren. Und um ehrlich zu sein, manche davon gefielen uns besser als die von manchen Autoren, die wir in den Tagen zuvor gehört hatten.

Eine Kollegin, die uns begleitete, wurde in Rauris von ihrer Oma angerufen und gefragt, was sie dort lernen würde (was man sich vielleicht generell öfter selbst fragen sollte). Wir haben auf jeden Fall gelernt, dass viele Bücher sich nicht wirklich zum Vorlesen eignen, dass Zuhören anstrengender sein kann als Selberschreiben und auch, dass manche Autoren wahnsinnig nett sind, wenn man sie abseits der Bühne anquatscht.

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